Neurasthenie oder chronisches Erschöpfungssyndrom: Was ist das?

Extreme Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwächegefühle... Neurasthenie ist eine klinische Realität, die vor mehr als einem Jahrhundert beschrieben wurde und die weiterhin Fragen aufwirft.
Neurasthenie oder chronisches Erschöpfungssyndrom: Was ist das?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 04. August 2022

Extreme Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel, Blutdruckabfall, Magenschmerzen, Übelkeit… Neurasthenie wurde zum ersten Mal 1829 beschrieben, um eine Nervenkrankheit zu definieren, die über lange Zeit von großer klinischer und psychopathologischer Bedeutung war. Viele Menschen litten darunter.

Die alten “Alienisten”, d.h. auf Psychiatrie spezialisierte Ärzte, wiesen darauf hin, dass sie in mehreren ganz bestimmten Gruppen auftrat: Oft litten die Ehefrauen von Bauern daran, die lange Zeit in Einsamkeit ihr Land bearbeiteten. Auch Geschäftsleute zeigten diese Symptome. Dieser Zustand war so auffällig, dass William James ihn sarkastisch “Americanicitis” nannte.

Er versuchte damit, den Zustand von Stress und Überlastung zu beschreiben, unter dem ein großer Teil der amerikanischen Gesellschaft litt. Tatsache ist jedoch, dass sich die asiatischen Länder dieser klinischen Realität noch sehr bewusst sind. Sie wird in der chinesischen Klassifikation psychischer Störungen (ähnlich wie DSM-V) als “shenjing shuairuo” bezeichnet, eine psychologische Dimension, die mit ausgeprägter Müdigkeit verbunden ist.

Man mit Neurasthenie

Neurasthenie: Definition, Symptome und Ursachen

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Neurasthenie ein veraltetes Konzept ist, das nicht im “Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen” (DSM-V) aufscheint. Diese Krankheit wird jedoch weiterhin von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt und ist auch in der ICD-10 enthalten. Um die Komplexität dieser Störung zu verstehen, lohnt es sich, einige Aspekte zu betrachten.

Im 19. Jahrhundert war das psychiatrische Interesse an dieser Krankheit außerordentlich groß. George Miller Beard machte den Begriff im Jahr 1869 populär (obwohl er schon früher beschrieben wurde). Er definierte diese Krankheit als eine ungewöhnliche und irritierende Schwäche, die sich durch idiopathische (d.h. mit unbekannter Ursache) chronische Müdigkeit äußert. Nachfolgend sehen wir uns die Symptome genauer an.

Begleitende Symptomatik

Neurasthenie tritt nach Anstrengung auf. Dies ist der Fall, wenn der Körper in einen Zustand übermäßiger physischer und psychischer Erschöpfung gerät. Die ausgeführte Aufgabe ist jedoch nicht intensiv genug für diese Überanstrengung. Betroffene leiden an folgenden Symptomen:

  • Starke Kopfschmerzen, die sich manchmal zu Migräne entwickeln können
  • Muskelschmerzen
  • Die Erschöpfung ist sehr stark, aber die Person fühlt sich unfähig, sich auszuruhen und einzuschlafen. Schlaflosigkeit kann also eine Konstante sein.
  • Magenschmerzen und Darmstörungen (Blähungen, Durchfall)
  • Ohnmacht oder Erbrechen
  • Gereiztheit
  • Panikstörungen
  • Probleme, klar zu denken
  • Gedächtnislücken

Alle diese Symptome haben eine Mindestdauer von 6 Monaten (mit größerer oder geringerer Intensität. Es müssen nicht alle Symptome auftreten, um die Diagnose zu stellen.

Wie entsteht Neurasthenie?

Neurasthenie, Akureyri-Krankheit, Island-Krankheit, chronisches Erschöpfungssyndrom… Dieses Leiden hat viele Namen. Im Jahr 2019 führte die Universität des Baskenlandes in Spanien eine Studie über Neurasthenie durch und wies darauf hin, dass diese Symptomatik häufig in der Primärversorgung auftritt. Es wird sogar vermutet, dass wir es mit einer Krankheit mit multisystemischen Auswirkungen zu tun haben, d.h. es gibt viele Variablen, die bei der Neurasthenie zusammenkommen können.

In vielen Fällen werden zwei klinische Zustände diagnostiziert: Depression und chronische Müdigkeit. Außerdem definierte die Nationale Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten von Amerika (Institute of Medicine) im Jahr 2015 Neurasthenie als eine Krankheit der Anstrengungsintoleranz. Mit anderen Worten: Es gibt Menschen, die bei jeder noch so unbedeutenden Tätigkeit negative körperliche und psychische Symptome zeigen.

Frau mit Neurasthenie

Neurasthenie: Somatoforme Störung

Wie bereits erwähnt, ist Neurasthenie für einen großen Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft ein ungebräuchlicher Begriff. Obwohl sie in der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) weiterhin enthalten ist, wird sie derzeit direkt mit somatoformen Störungen in Verbindung gebracht.

Mit anderen Worten: Eine somatoforme Störung ist ein klinischer Zustand, bei dem verschiedene Krankheiten oder Symptome auftreten, die nicht durch zugrunde liegende organische Veränderungen erklärt werden können. So sind Faktoren wie extreme Müdigkeit und geringe Energie immer zwei Elemente dieser klinischen Kategorie.

Wir können weiterhin von Neurasthenie sprechen oder andere Bezeichnungen verwenden. Aus psychologischer und medizinischer Sicht ist es wichtiger, die Ursachen für die Symptomatik zu ermitteln. 

Schon Sigmund Freud sprach von Depression. Die Alienisten des frühen 19. Jahrhunderts beschrieben ihre Patienten als Menschen, die eine Menge Sorgen auf ihren Schultern tragen. Andererseits hat sich gezeigt, dass viele Betroffene neben den organischen Erscheinungen auch an hormonellen Problemen, einem geschwächten Immunsystem oder sogar an Blutarmut leiden.

Mit anderen Worten: Wir können organische Krankheiten nicht von psychischen Problemen trennen. Stress und Angstzustände sind oft die Ursache für somatoforme Störungen. Daher sind Ansätze wie die kognitive Verhaltenstherapie und in bestimmten Fällen die Verabreichung von Anxiolytika immer erfolgreich.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich hinter den verschiedenen Bezeichnungen Bedürfnisse verstecken, die eine Behandlung erfordern. Fachärztliche Hilfe ist grundlegend, um Betroffenen zu helfen.

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