Menschen kritisieren das an anderen, was sie an sich selbst nicht mögen

11. September 2016 en Psychologie 961 Geteilt

Jeder Mensch ist eine Kombination aus wundervollen Stärken und einer Menge von Schwächen. Nicht einmal du oder ich können dem entkommen. Es gibt ein Genie und einen Heiligen in jedem von uns, genauso wie auch einen Tyrannen und einen Idioten. Niemand geht durchs Leben, ohne Fehler zu begehen oder etwas zu tun, über das er sich schämt. Und das ist genau der Grund dafür, dass Menschen, die andere kritisieren, keine Grundlage für ihre Argumente haben.

Allerdings verhalten sich manche Menschen so, als wäre das nicht der Fall. Ohne auch nur einen Grund oder das Recht dazu zu haben, urteilen manche Leute schonungslos über andere. Sie sind immer dazu bereit, eine detaillierte Liste von Schwächen anderer zu machen. Sie gehen sogar so weit, dass sie dir sagen, was du machen sollst, um diese Fehler nicht mehr zu begehen, oder dass sie dir den Weg zu zeigen, dem du folgen solltest, um deine Schwächen zu beseitigen. Sie gönnen sich den Luxus, deinen Fehlschlägen und Schwächen gegenüber intolerant zu sein.

Unsere Kritik dreht sich darum, andere Menschen dafür zu beschuldigen, nicht die Qualitäten zu haben, von denen wir denken, dass wir sie haben.

Jules Renard

Wenn die Kritik konstant und gemein wird, dann macht sich die Person wahrscheinlich kein gesundes Bild von deinen Fehlern. Wahrscheinlich ist es dann eher ein Verteidigungsmechanismus, den wir „Projektion“ nennen. Sie sehen dich wie einen Spiegel; sie kritisieren die Dinge an dir, die sie an sich selbst nicht mögen.

Was sich Leute aussuchen, an dir zu kritisieren

Baum-im-Haar

Wir alle sind in manchen Bereichen bewundernswert und haben Mängel in anderen. Wenn du beim Heiligen Franz von Assisi nach moralischen Schwächen suchst, wirst du sicherlich welche finden. Wenn du nach dummen Worten von Albert Einstein suchst, wirst du sicherlich auch diese finden.

Das ist der Kern des Themas: Jeder sucht sich das aus, was er in anderen Menschen sehen oder nicht sehen will. Normalerweise hängt diese Auswahl mit der Art und Weise zusammen, wie man sich selbst bewertet und wahrnimmt. Wenn man die guten Dinge an sich wahrnimmt, dann sieht man auch in anderen das Gute, und das Gleiche gilt für schlechte Dinge.

Allerdings gibt es auch kritische Menschen, die nicht nur das Schlechte in allen um sie herum sehen, sondern sie suchen sich eine Person oder eine Gruppe von Personen aus und machen sie zur Zielscheibe ihrer vernichtenden Beurteilungen. Warum passiert das?

Was sie an sich selbst nicht mögen

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Projektion funktioniert wie folgt: Die Person hat eine Meinung von sich selbst, die nicht ganz unparteiisch oder objektiv ist. Es gibt einige Charakteristiken an ihnen, die sie inakzeptabel finden.

Vielleicht sind sie beispielsweise in der Praxis tiefgründig egoistisch, obwohl sie Solidarität predigen. Also erschaffen sie falsche Argumente, um ihr egoistisches Verhalten zu rechtfertigen. Diese Art von Mensch sagt Sachen wie: „Ich fühle mich sehr schlecht, weil du einsam bist, aber leider hab ich keine Zeit, dich zu besuchen.“

Sie wollen sich selbst als großzügig sehen, aber ihr Egoismus verhindert das. In Wirklichkeit sind sie sich nicht bewusst, dass ihnen nur ihre eigenen Interessen wichtig sind, oder dass sie unfähig sind, anderen Leuten auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen. Sie glauben wirklich, dass ihre Entschuldigungen valide Gründe dafür sind, so zu handeln, wie sie es tun.

Das Problem ist, wenn sie sehen, dass sich andere Leute egoistisch verhalten, erheben sie ihre Stimme im Protest. Sie können wütend werden und ihre Missbilligung von diesem Verhalten lautstark mitteilen. Es scheint für sie undenkbar, dass sich jemand so verhalten könnte.

Wenn du sie danach fragst, werden sie dir sagen, dass ihre eigenen Argumente dafür, dass sie egoistisch sind, komplett angemessen sind: „Ich wollte nicht so handeln, aber die Umstände haben mich dazu gezwungen.“  Im Gegensatz dazu sind die Gründe, die andere Menschen nennen, nur bloße Entschuldigungen.

Was im Hintergrund passiert

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Was im Hintergrund passiert, ist, dass anderer Leute Mängel sie an sich selbst erinnern. Sie tolerieren die Dinge an anderen nicht, die sie an sich selbst nicht tolerieren. Mit anderen Worte, sie projizieren ihre eigenen Fehler auf andere Menschen, sodass sie nicht unter dem Schmerz leiden müssen, sie in sich selbst zu sehen.

Kritik um der Kritik willen kommt fast immer von Projektion. Es ist weit verbreitet, andere für Merkmale zu kritisieren, die wir an uns selbst nicht mögen. Aber wir tun das nicht willentlich, wir sind uns einfach nicht bewusst, dass es passiert.

Wir sollten den Dingen, die wir an anderen nicht tolerieren, Aufmerksamkeit schenken. Wenn wir diese Beobachtungen schärfen, realisieren wir wahrscheinlich, dass diese Intoleranz mehr uns selbst als anderen Menschen gilt.

Genauso sollten wir es auch mit Vorsicht betrachten, wenn wir kritisiert werden. Wir sollten darüber nachdenken, warum die andere Person sich genau auf diesen bestimmten Aspekt an uns konzentriert. Wir werden wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass die Kritik in Wirklichkeit auf einen versteckten Teil ihrer selbst abzielt, und nicht auf unser Verhalten.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Christian Schloe

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