Manchmal sagen wir, dass wir müde seien, obwohl wir eigentlich traurig sind

· 2. März 2018

Manchmal fühlen wir uns so deprimiert, dass uns das Leben leer und bedeutungslos erscheint. Hinter dieser Erschöpfung versteckt sich oft Traurigkeit. Sie ist dieser graue Freund, der in unserem Herzen und unserem Kopf ein Zuhause findet. Sie zieht ohne Erlaubnis ein und füllt uns mit Apathie. Wenn uns andere fragen, was los ist, antworten wir aber nur, dass wir müde seien, obwohl wir eigentlich traurig sind. Müdigkeit ist alles, was wir anderen gegenüber gestehen.

Lasst es uns zugeben, wir haben dies alle einmal erfahren. Wenn wir die düstere, durchdringende Emotion der Traurigkeit spüren, wenden wir uns direkt an „Dr. Google“. Wonach wir suchen ist eine Diagnose. Und eine Therapie. Worte wie „Traurigkeit“, „Depression“, „Anämie“ und „Hypothyreose“ erscheinen dann vielleicht auf dem Bildschirm.

“Guten Tag Traurigkeit
Du bist eingeschrieben in die Linien der Decke
Du bist eingeschrieben in die Augen die ich liebe
Du bist nicht ganz und gar das Elend
Denn noch die ärmsten Lippen verraten dich
Durch ein Lächeln…“

Paul Éluard

Wenn die Traurigkeit ein Zuhause in uns findet, erkennen wir sie als etwas Bedrohliches. Als eine Krankheit, die wir so schnell wie möglich überwinden. Uns ist, als müssten wir den Staub von unserer schmutzigen Kleidung abklopfen. Wir mögen die Traurigkeit nicht und wollen uns vor ihr schützen, doch ohne damit aufzuhören, sie zu verstehen. Und wir graben nicht tiefer in ihren dunklen Ecken, in denen wir viel über uns selbst erfahren könnten, wobei aber noch mehr Staub aufgewirbelt würde.

Wir vergessen, dass die Traurigkeit keine Krankheit ist. Wir vergessen, dass die Traurigkeit und die Depression nicht dasselbe sind. Solange diese Emotion nicht zu lange anhält oder unser Leben dirigiert, ist sie eine Möglichkeit. So paradox es auch scheinen mag, ist sie eine Möglichkeit, um voranzukommen und als Mensch zu wachsen.

Trauriges Mädchen, das auf dem Bett sitzt

Warum fühlen wir uns müde, wenn wir traurig sind?

Manchmal durchlaufen wir Phasen, in denen wir müde ins Bett gehen und müde wieder aufwachen. Wir könnten dann zum Arzt gehen. Doch der würde uns wohl sagen, dass physisch alles in Ordnung sei. Es gäbe kein hormonelles Ungleichgewicht, keinen Eisenmangel oder anderweitige körperliche Erkrankung. Der Arzt würde uns wohl sagen, dass unser Unwohlsein womöglich durch Stress verursacht würde. Oder dass es eine jahreszeitlich bedingte Störung sei.

Manche Gefühlslagen benötigen tatsächlich keine Pharmakotherapie, sondern Zeit, Licht, Luft und Sonne. Doch wenn wir an psychosomatischen Symptomen leiden, macht uns das Angst. Aber auch dann sollten wir den Fehler, die Symptome zu behandeln, ohne das zugrunde liegende Problem zu identifizieren, nicht machen. Und dieses Problem ist in unserem Fall die Traurigkeit.

Die zentralnervösen Mechanismen, die unsere Gefühlslage kontrollieren, sind vielfältig. Glück triggert in unserem Gehirn eine ganze Reihe von Signalwegen und neuronaler Aktivität. Doch Traurigkeit reduziert diese auf das Wesentliche und unser Gehirn, genauer gesagt unsere Amygdala, zieht es dabei vor, Ressourcen zu rationieren. Das tut es mit einem ganz bestimmten Ziel.

Die Traurigkeit ruft einen scheinbaren Energiemangel hervor. Sie lässt uns unwohl fühlen. Der Umgang mit anderen Menschen, ja sogar Bilder und Geräusche können uns verletzen. Der Lärm unserer Umwelt stört uns, und wir ziehen eine einsame Ecke dem allgemeinen Chaos vor.

Das Sparprogramm hat einen Zweck, nämlich die Anregung der Selbstwahrnehmung. Die Traurigkeit mindert unsere Fähigkeit, uns auf äußere Reize zu fokussieren. Unser Gehirn versucht, uns zu sagen, dass es an der Zeit ist, innezuhalten und nachzudenken. Es ist an der Zeit, über bestimmte Aspekte in unserem Leben zu reflektieren.

Mädchen, das auf einer Blumenwiese liegt

Dinge, die man über die gelegentliche Traurigkeit wissen sollte

Die gelegentliche Traurigkeit hält für ein paar Tage an und lässt uns müde, schwer und von der Realität isoliert fühlen. Diese Traurigkeit verdient unsere Aufmerksamkeit. Wir können die Symptome behandeln und unsere Müdigkeit mit Vitaminen, oder unsere Kopfschmerzen mit Schmerztabletten in den Griff kriegen. Doch dies wird nichts ändern, wenn wir nicht zum wahren Kern des Problems vorstoßen und es der Traurigkeit so erlauben, für längere Zeit zu bleiben.

„Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit.“

Françoise Sagan

Wenn wir nicht anhalten und darauf blicken, was unseren Verstand trübt und uns beunruhigt, könnte die Traurigkeit wachsen. Wenn wir allerdings mit unserer Traurigkeit arbeiten, können wir als Menschen wachsen.

  • Traurigkeit ist eine Warnung. Wir haben bereits den Energieverlust, die Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten erwähnt. Dies sind nur ein paar der Zeichen, die darauf hindeuten, dass wir ein Problem haben und es in Angriff nehmen müssen.
  • Traurigkeit als Ergebnis einer Trennung. Manchmal warnt uns unser Gehirn vor etwas, das unser Bewusstsein noch nicht realisiert hat: „Dieses Ziel ist kein gutes. Es ist an der Zeit, diese Beziehung zu beenden. Du bist auch auf der Arbeit nicht glücklich. Du verausgabst dich völlig. Vielleicht solltest du kündigen“, usw.
  • Traurigkeit als Selbsterhaltungstrieb. Manchmal lädt uns die Traurigkeit dazu ein, einen Winterschlaf zu halten. Sie lädt uns dazu ein, uns vorübergehend von unserem Leben zu distanzieren, um Energie zu sparen. Zum Beispiel ist diese Traurigkeit üblich, wenn wir eine große Enttäuschung erfahren. Es ist hierbei sehr hilfreich, für ein paar Tage wegzufahren. Dies schützt sowohl unser Selbstwertgefühl, als auch unsere Integrität.
Frau mit Blumen vor dem Gesicht

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es Zeiten in unserem Leben gibt, in denen die Müdigkeit mehr emotionaler als körperlicher Natur ist. Statt die Traurigkeit als eine zu behandelnde Erkrankung zu sehen, sollten wir sie als eine innere Stimme vernehmen, der man zuhört. Wir sollten sie als eine wertvolle, nützliche Emotion betrachten, die wir nutzen können, um zu wachsen.