Liebe Eltern, ich möchte unabhängig sein

25. Mai 2017 en Psychologie 186 Geteilt

Für viele Menschen ist es außerordentlich schwierig, unabhängig zu sein, denn es erfordert jede Menge Anstrengung und Durchhaltevermögen. Psychologisch unabhängig zu sein ist gleichzusetzen mit einer Lebenseinstellung voller Mut, Liebe und Vertrauen in das eigene Potenzial.

Aber trotz all der Vorteile, die eine solche Einstellung mit sich bringt, ist das für manche Menschen nicht so einfach, vor allem deshalb, weil sie nicht gelernt haben, unabhängig zu sein. Manche Menschen lernen diese Haltung nicht als Kinder und werden dann im späteren Leben unausweichlich darauf gestoßen.

„Das Ideal ist nicht, dass Kinder Wissen anhäufen, sondern dass sie Fähigkeiten entwickeln.“

John Dewey

Unabhängigkeit zu erlernen bedeutet nicht, rücksichtslos zu sein

Wenn wir Kinder dazu ermutigen, Dinge eigenständig zu tun, geben wir ihnen ein deutliches Zeichen. Wir geben ihnen zu verstehen, dass sie dazu in der Lage sind, in der Welt zurechtzukommen und dass wir an sie glauben. Auf diese Art hören sie auf, Hilfe von anderen zu erwarten, und beginnen, ihre eigenen Ressourcen zu erkunden.

Allerdings sollten wir einige Dinge klarstellen. Wenn wir von Unabhängigkeit sprechen, meinen wir damit nicht Rücksichtslosigkeit. Wir sprechen von angemessenen Herausforderungen, die für eine gesunde persönliche Entwicklung notwendig sind. Ein Kind kann insoweit lernen, psychologisch unabhängig zu sein, wie seine Eltern daran glauben, dass es bestimmte Probleme allein lösen kann.

„Die kindliche Entwicklung folgt einem Weg aufeinanderfolgender Unabhängigkeitsstadien und unser Wissen darüber muss uns unser Verhalten dem Kind gegenüber leiten. Wir müssen es dabei unterstützen, selbstständig zu handeln, wollen und denken.“

Maria Montessori

Wenn wir nicht zulassen, dass sie Fehler machen, können sie nicht dazulernen

Im Folgenden geben wir ein Beispiel zum besseren Verständnis: Ein Kind lernt gerade das Dividieren. Es hat es in der Schule gelernt und jetzt ist es an der Zeit, Hausaufgaben zu machen und zu üben. In diesem Moment taucht ein Elternteil auf und stellt fest, dass es dem Kind schwerfällt.

Das Kind dieser Herausforderung gegenüberzusehen, kann das Elternteil dazu verleiten, seine Hausaufgaben für es zu erledigen. Tatsächlich schaffen es einige unglaublich talentierte Kinder, Erwachsene dazu zu bringen, ihre Hausaufgaben für sie zu übernehmen, weil sie wissen, wie sie es anstellen müssen. Aber dieser Versuchung nachzugeben ist nicht gut für sie. Eltern können dabei helfen, die Ängste der Kinder vor einer Herausforderung zu bewältigen oder sie können die Aufgabe beginnen, um ihre Konzentration zu fördern, aber sie dürfen nicht die Hausaufgaben für sie erledigen.

Wir müssen Kindern den Raum geben, selbst handeln zu können. Wenn wir zu schnell eingreifen und sie das Dividieren nicht selbst versuchen lassen, vermitteln wir ihnen, dass wir nicht auf ihre Fähigkeiten vertrauen. Wir sagen damit aus, dass es eine zu schwierige Herausforderung für sie ist und dass sie deshalb aufgeben sollten, bevor sie es überhaupt probiert haben.

Für Kinder ist unser Vertrauen ein riesiges Geschenk

Im oben genannten Beispiel könnten die Eltern einen anderen Weg wählen. Sie könnten sich neben das Kind setzen und es die Division selbst durchführen lassen. Das Kind wird sein Bestes geben und es wird Fehler dabei machen. Eltern können es auf diesem Weg aus Versuch und Irrtum begleiten und es auf Dinge hinweisen, ohne die Antwort zu verraten.

Wir müssen es zulassen, dass Kinder Fehler machen, denn so lernen sie, richtig zu dividieren. Und so lassen wir ihnen den Raum, sich mit dem Vorgang vertraut zu machen, Zweifel zu haben und diese selbst zu lösen. Auf diese Weise stecken sie sich selbst den Weg ab und bleiben nicht mehr hängen.

Sie werden verstehen, an welcher Stelle sie etwas falsch gemacht haben und die Fehler ausbessern. Das zu lernen wird ihnen ein Gefühl der Fähigkeit und Kompetenz geben. Durch diese neue Sichtweise auf sich selbst werden sie ihre eigenen Probleme mit mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit angehen können.

„Mein Vater machte mir das größte Geschenk, das man einer anderen Person machen kann: Er glaubte an mich.“

Jim Valvano

Indem du ihnen auf diese Art hilfst, lässt du sie mit Schwierigkeiten nicht allein, sondern unterstützt sie bei der Entwicklung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Du hilfst ihnen dabei, die Dinge zu ergründen, mögliche Lösungen zu finden, sich selbst zu beweisen, es zu versuchen. Das alles lässt neue Verbindungen in ihrem Gehirn entstehen. Und deshalb spielt die Familie eine so wichtige Rolle dabei.

Überfürsorglichkeit behindert ihre Entwicklungsmöglichkeiten

Überfürsorglichkeit beinhaltet eine Art von Unterstützung, bei welcher der Erwachsene sofort eingreift, sobald das Kind eine kleine Schwierigkeit zu bewältigen hat. So lernt das Kind, dass immer jemand da ist, der seine Probleme an seiner Stelle löst. Es hört auf, es selbst zu versuchen, weil immer jemand da ist, der es für sie tut. Es muss nur dasitzen, lächeln und abwarten.

„Auch die größte Liebe braucht Luft, um sich entwickeln zu können.“

Daniel Glattauer

Die schnelle Hilfe soll dem Kind Liebe und Fürsorge vermitteln: „Ich tue alles für dich, weil ich dich liebe.“  Aber verborgen darin liegt die Botschaft: „Ich tue alles für dich, weil ich nicht glaube, dass du es selbst kannst„,  und das wird dem Kind schließlich den Eindruck vermitteln, dass es nicht dazu fähig sei, die Dinge allein zu bewältigen.

Wie sich übertriebener Schutz auf deine Kinder auswirkt

So hören Kinder auf, Dinge auszuprobieren, zu experimentieren, sich anzustrengen und verpassen damit viele Möglichkeiten, zu wachsen. Sie legen ihr Leben zunehmend in die Hände ihrer Eltern. Aber das bleibt nicht ohne eine ganze Reihe von Konsequenzen:

  • Sie werden die Eltern öfter darum bitten, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen.
  • Sie werden bei den ersten Anzeichen von Schwierigkeiten die Motivation verlieren.
  • Sie werden nur über eine geringe Frustrationstoleranz verfügen.
  • Sie werden selbstunsicher und von anderen abhängig werden.
  • Sie werden wenig Selbstbewusstsein und nur ein schlecht definiertes Selbstkonzept entwickeln.

Deshalb ist es wichtig, Kinder dabei zu unterstützen, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, Dinge auszuprobieren und Frustration zu tolerieren. So werden sie lernen, dass sie die nötigen Ressourcen und Fähigkeiten haben, die meisten, wenn nicht alle, der Probleme zu lösen, auf die sie im Leben stoßen.

Wir schließen diesen Beitrag mit einem chinesischen Sprichwort, das du vermutlich schon einmal gehört hast:

Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.

Hiermit möchten wir alle Eltern ermutigen, ihre Kinder das Fischen zu lehren, statt ihnen bei der ersten Schwierigkeit einen Fisch zu geben, und den Nachwuchs seine eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Es wird ihnen in der Zukunft eine notwendige und sehr nützliche Lektion sein.

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