Ich selbst bin mein Zuhause, deshalb höre ich mir selbst zu, kümmere mich um mich und erneuere mich

03 März, 2018

Ich selbst bin mein Zuhause, deshalb öffne ich die Fenster, um frische Luft hineinzulassen, auf dass die aufgebrauchte Luft hinaus- und eine Brise hineingelangt, die nach Hoffnung riecht und nach Träumen duftet. Ich bin mein eigenes Heim, meine kostbare Zuflucht, und deswegen bin ich manchmal für niemanden da. Weil ich den Schutz meiner Privatsphäre in meinen ganz privaten Ecken suche, wo ich mir zuhören, mich um mich selbst kümmern und mich heilen kann.

„Ein Zuhause wird gebaut, um bewohnt und genossen, und nicht, um angeschaut zu werden.“

Francis Bacon

Wenn unser Inneres ein Haus wäre, würden es viele von uns wohl genauso vernachlässigen wie ihr reales Heim. Doch es gäbe auch Menschen, deren Zuhause eine schön dekorierte Fassade, auffallende Kamine, bunte Dächer, raffinierte Zäune und großen Fenstern mit eleganten Vorhängen hätten. Wenn wir jedoch das Innere dieser so imposanten Anwesen betreten wollten, würden wir in vielen von ihnen eingefallene Mauern, schwache Säulen, einsame Zimmer und leere Räume vorfinden, die nach Traurigkeit riechen, und viele dunkle Ecken, die noch nie Sonnenlicht gesehen haben.

Wenn unsere Seele wirklich ein Haus wäre, wäre es definitiv unsere Pflicht, uns darum zu kümmern und aus unserem Zuhause einen prächtigen, komfortablen Ort zu machen, in dem es keine Schatten, geschlossenen Räume und über lange Zeit missachteten Risse im Mauerwerk gibt.

Wir sind unser eigenes Zuhause, wenn wir mal ehrlich sind. Wir sind unsere eigene Zuflucht und besitzen diese außergewöhnliche Struktur, die ständig weiterwächst. Wir sollten daher lernen, uns um diesen magischen Ort zu kümmern, der weder verkauft noch verliehen, sondern geschützt wird.

Blühendes Zuhause

Die Zuflucht, nach der du suchst, ist in deinem Innern

George Bernard Shaw pflegte zu sagen, dass es im Leben nicht darum gehe, uns selbst zu finden, sondern darum, zu wissen, wie wir uns selbst erschaffen können. Wer also eine Reise antritt, um etwas Bestimmtes zu finden, um seine Grenzen zu erkennen und um das Wesen seiner Persönlichkeit ausfindig zu machen, der wird all das nicht erreichen. Denn alles, was wir wissen wollen, finden wir nicht in der Außenwelt, sondern in dieser Innenwelt, die wunderbare Früchte trägt, wenn wir uns um sie kümmern.

Gleichzeitig gibt es eine unbestreitbare Tatsache, die wohl vielen von uns irgendwann einmal bewusst geworden ist, besonders im Jugendalter, in dem wir draußen lebten und darauf warteten, was uns das Leben so bringen würde, was draußen in dieser weiten, lauten Welt voller Aromen, Klänge und Wellengänge geschähe. Durch das Leben von unserem Herzen getrennt, von diesem inneren Leuchtturm, wo unsere Werte und unsere eigene Identität scheinen, hatten wir immer das Gefühl, dass „etwas fehle“. Dass das, was in unserem eigenen Zuhause herrsche, eine unerträgliche Leere sei, die wir unbedingt füllen müssten.

Fast ohne es zu bemerken, lassen wir dann den erstbesten Menschen in das Zuhause unseres eigenen Seins einziehen: Wir geben ihm die Schlüssel zu unserer Haustür, wir bieten ihm das Sofa im Wohnzimmer und sogar Zugang zu unseren Schränke und dem Dachboden an. Voller naiver Unschuld tun wir das, ohne zu ahnen, dass es Diebe gibt, die alles behalten, gnadenlose Plünderer, die alles zerstören. Sie nehmen unser Selbstwertgefühl, unsere Stärken, Tugenden, Träume und Hoffnungen mit, wenn sie wieder gehen.

Meerjungfrau unter Wasser

Mich um mich selbst kümmern, mir zuzuhören und mich selbst zu erschaffen – das ist kein egoistischer Akt

Ein Haus mit geräumigen Zimmern voller Bücher zu haben, in denen sich unendliches Wissen befindet, ist kein egoistischer Akt. Ein Zuhause zu besitzen, in dem es keine geschlossenen Türen gibt, keine Risse, keine von Schatten und Dunkelheit bewohnten Ecken, zeugt nicht von Eitelkeit. Einen Garten zu genießen, in dem unglaublich schöne Blumen, Sträucher und Bäume mit starken Wurzeln wachsen, ist keineswegs oberflächlich. Denn um all diese Dinge zu bekommen, braucht es Zeit, Willenskraft und einer einfühlsamen Selbstfürsorge.

„Das Licht ist für all jene zu schmerzhaft, die in der Dunkelheit leben.“

Eckhart Tolle

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns glauben lässt, dass die Liebe zu sich selbst ein egoistischer Akt sei. Aber nachdem wir fast dazu gezwungen werden, Selbsthilfebücher zu lesen, um herauszufinden, dass diese Prämisse nicht wahr ist, ist es nicht narzisstisch, die Türen unseres Hauses vor dem zu verschließen, was uns nicht gefällt und was wir nicht mögen. Es ist mutig, es bedeutet Selbstliebe und Ehrlichkeit miteinander zu vereinen; es bedeutet, die Verpflichtung der eigenen Person gegenüber zu stärken und unser Selbstwertgefühl und Wohlbefinden in einer Welt zu gewährleisten, für die es normal ist, Menschen zu frustrieren. Menschen, die nicht wissen, wie man glücklich ist.

Meerjungfrau mit Seifenblasen

Wie Albert Ellis seinerzeit schon wusste, lehrt uns unsere Gesellschaft immer wieder, uns selbst zu schaden. Wir müssen deswegen von allem ablassen, woran wir bis jetzt geglaubt haben, um zu lernen, anders zu denken und fühlen, um uns daran zu erinnern, dass es ein zerbrechliches und hilfloses Wesen gibt, das Aufmerksamkeit, Fürsorge und Anerkennung braucht: wir selbst.

Deshalb sollten wir diese Rückreise in unser eigenes Zuhause antreten, um unsere einschränkenden Glaubenssätze auszuräumen, um die Zimmer, in den unsere Träume wohnen, zu vergrößern, um die Vorhänge interner Konflikte zurückzuziehen und um die Rohre unserer emotionalen Wunden zu sanieren. Wir sollten in unseren Gärten Samen der Hoffnung pflanzen und die Schlüssel unseres Hauses in unseren eigenen Taschen aufbewahren. Denn nur sie allein sind letztendlich die Schlüssel, mit denen wir sämtliche Türen zu unserem Glück öffnen können.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Victor Nizovtsev