"Hysterisch" und "verrückt": Frauen in der psychischen Gesundheit

Die Geschichte der psychischen Gesundheit von Frauen ist mit einer ungesunden Diskriminierung verbunden, die sich um missbräuchliche Konzepte und Praktiken dreht. In diesem Artikel befassen wir uns mit den Ursachen für dieses Phänomen und vor allem mit seinen Folgen.
"Hysterisch" und "verrückt": Frauen in der psychischen Gesundheit
Angela C. Tobias

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Angela C. Tobias.

Letzte Aktualisierung: 29. Dezember 2023

Wie die Medizin und andere Gesundheitswissenschaften war und ist auch die Psychologie eine der wissenschaftlichen Disziplinen, die man zur Rechtfertigung von Geschlechterrollen und den daraus resultierenden fahrlässigen Praktiken gegenüber dem weiblichen Geschlecht instrumentalisierte. Von der erwiesenen Unterschätzung emotionaler Symptome, der Übermedikation in der Psychiatrie, der paternalistischen Behandlung durch Professionelle, den fahrlässigen Praktiken und der medizinischen Gewalt in der psychiatrischen Behandlung von Frauen.

Wie in vielen anderen Bereichen ist auch die Geschichte der psychischen Gesundheit für Frauen eine Geschichte des Schreckens. Die Vergangenheit zu kennen ist die einzige Gewissheit, die wir haben, wenn wir nicht die gleichen Fehler wiederholen und die unerwünschten Konsequenzen der bereits begangenen Fehler tragen wollen.

Die Männer sind Intellektuelle, die Frauen Verrückte

Während der ersten feministischen Welle in den 1970er Jahren und ausgehend von Werken wie Michel Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft wurde die Rolle der Frauen in der Wissenschaft in Frage gestellt. Die Unsichtbarkeit der Forschungsarbeit von Frauen, sowohl als Autorinnen als auch als Patientinnen, und die Auswirkungen des Androzentrismus auf das Konzept und die psychologische Behandlung von Frauen wurden thematisiert.

Den Geschlechtsdimorphismus zwischen Männern und Frauen erklärte man nicht, sondern benutzte ihn als Rechtfertigung für die asymmetrische soziale Organisation und die Diskriminierung von Frauen. Wissenschaftlerinnen begannen, die Existenz einer biologischen Veranlagung der Frau für bestimmte psychische Probleme in Frage zu stellen.

Diese ersten revolutionären Forscherinnen mussten einen hohen Preis dafür zahlen, dass sie die Norm in Frage stellten. Die Beteiligung von Frauen an der Wissenschaft oder an parlamentarischen Entscheidungen, wie im Falle der ersten Suffragetten, polemisierte man ständig, und alle, die aus ihrer auf die Pflege, das Private und Häusliche beschränkten Rolle ausbrachen, wurden als “verrückt” abgestempelt.

 

"Hysterisch" und "verrückt": Frauen in der psychischen Gesundheit
Die Rolle von Frauen in Tätigkeiten, die eigentlich Männern vorbehalten sind, untergräbt die Norm.

Frauen in der Psychiatrie: eine Geschichte des Schreckens

Sexueller Dimorphismus war das Argument für viele missbräuchliche und sogar unmenschliche Praktiken in der psychiatrischen und psychologischen Behandlung von Frauen. Viktorianische Frauen wurden als anfällig für Schwindelanfälle, Schwäche, Reizbarkeit und eine Neigung zu allgemeinen Unruhen beschrieben.

Diese Sichtweise von Frauen als schwach und anfällig für psychische Probleme setzte sich mit den Theorien der Phrenologie, des Behaviorismus und der Psychoanalyse durch. Weit davon entfernt, dieses Argument in Frage zu stellen, begannen sie mit Praktiken, die sich auf den weiblichen Fortpflanzungsapparat und das weibliche Nervensystem bezogen.

Phrenologie, Psychoanalyse und inhumane Praktiken

Mit dem Aufkommen der Phrenologie im 19. Jahrhundert verstärkte sich die dualistische Geschlechtermetaphorik: Das weibliche Stereotyp basierte auf Zuneigung, Sensibilität, Sanftmut und Unterwürfigkeit. Die männliche Rolle hingegen wurde mit Logik und intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung gebracht. Von hier aus begründete man, dass der Zugang der Frauen zu einer außerhäuslichen Sphäre sie an den Rand des Wahnsinns treibe.

Andere Pioniere der Psychologie, wie Freud und Watson, stellen Frauen als geistig minderwertig dar, die zwangsläufig in den häuslichen Bereich verbannt sind. In verschiedenen psychologischen Abhandlungen wird das weibliche Fortpflanzungssystem mit dem Nervensystem und psychischen Problemen in Verbindung gebracht.

Die so genannte “brennende Gebärmutter” rechtfertigte die psychischen Probleme der Frauen aufgrund ihrer sexuellen Unterdrückung. Auf der Grundlage dieses Arguments konzentrierten sich viele psychologische Behandlungen auf die Verschreibung von ehelichem Geschlechtsverkehr, Genitalmassagen durch Psychiater und die Entfernung von Geschlechtsorganen. In Spanien wurde in mehreren medizinischen Kompendien die Menstruation mit akuter Manie in Verbindung gebracht.

Hysterie und die Abweichung von der weiblichen Norm

Die meisten der psychologisierten Fälle waren Frauen, wie Ana O oder Dora die sich meldeten, um über Hysterie zu sprechen. Sie waren junge, unzufriedene Frauen, die dazu neigten, Probleme zu machen. Auf diese Weise hat man Frauen, die prototypisch männliche Rollen ausübten, “pathologisiert”.

Seit Chesters Doppelmoral basiert das männliche Stereotyp auf Rebellion, Stärke und Unabhängigkeit. Auf dieser Grundlage wurden Frauen, insbesondere die revolutionären Suffragetten und die Pionierinnen der Wissenschaft, als hysterisch gebrandmarkt, weil sie aus ihrer emotionalen und unterwürfigen Rolle heraustraten.

Obwohl diese missbräuchlichen Konzepte und Praktiken weit in der Vergangenheit zu liegen scheinen, erklärte die American Psychiatric Association die Hysterie bis 1952 zu einem überholten Mythos. Im Jahr 2018 beschloss die Real Academia Española de la Lengua, diese Definition zurückzuziehen.

"Hysterisch" und "verrückt": Frauen in der psychischen Gesundheit
Frauen befreiten sich aus ihrer unterwürfigen Rolle, indem sie die Geschlechtergrenzen durchbrachen.

Neue Horizonte: Psychologie aus der Geschlechterperspektive

Die Geschichte der Psychologie hat Frauen in ihren Studien unsichtbar gemacht und sie zu passiven Forschungsobjekten degradiert, wie Sandra Harding in Feministische Wissenschaftstheorie. Zum Verhaeltnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht. feststellt. Auch neuere Forschungen weisen auf den Ausschluss von Frauen aus klinischen Studien zu Psychopharmaka hin.

Die Annahme von Geschlechterrollen besteht auch heute noch, was z.B. dazu führt, dass es nach wie vor ein deutliches Ungleichgewicht bei der Übernahme von Hausarbeit gibt. Gerade das Gewicht des Mandats im Bereich der Zuneigung und der Kernfamilie, das die Frauen nach wie vor tragen, führt zu einer Dissonanz – und damit zu einem Gefühl der mangelnden Anpassung – in Bezug auf den Wunsch nach Unabhängigkeit in verschiedenen Bereichen.

Zusammen mit den alarmierenden Daten über geschlechtsspezifische Gewalt gefährden diese Belastungen die psychische Gesundheit vieler Frauen. Solche Vorstellungen erklären die Verletzlichkeit nicht biologisch, sondern rechtfertigen und bedrohen unsere psychische Gesundheit.

In der Psychologie werden immer mehr geschlechtsspezifische Perspektiven vorgeschlagen, die zu Veränderungen in den Konzepten und Praktiken der Beurteilung, Intervention und Nachsorge im Bereich der psychischen Gesundheit führen. Wir alle sind dafür verantwortlich, die Geschichte des Terrors gegen Frauen im Bereich der psychischen Gesundheit zu beenden, sei es durch unser Wissen oder durch unsere Forderungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Beratungsräume.


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