Die Anatomie eines Kusses

· 30. April 2018

Obwohl das Küssen eine alltägliche Sache ist, ist es dennoch ein kleines Rätsel. Wir wissen nicht sicher, welchem Zweck es dient. Ebenso können wir uns nicht darauf einigen, ob es ein erlerntes Verhalten oder instinktiv ist. Die Wissenschaft hat versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, mit dem Ziel, die Anatomie eines Kusses und dessen Wirkung zu untersuchen.

Charles Darwin, der Vater der Evolutionstheorie, schrieb über die Natur des Kusses. In seinem Werk Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren  merkte Darwin an, dass diese Geste, mehr als alles andere, eine der Geselligkeit sei. Er sagte, dass ein Kuss ein Ergebnis eines angeborenen Verlangens danach sei, anerkannt zu werden und Beziehungen aufzubauen. Er wäre ein Weg, um „durch den engen Kontakt mit einem geliebten Menschen Freude zu erhalten“.

Nichtsdestotrotz gibt es Angaben, die diese Aussagen infrage stellen. Zum Beispiel wissen wir, dass einige Kulturen auf der Welt das Küssen nicht praktizieren. Es gibt also Gesellschaften, die dem Küssen eine andere Bedeutung geben als wir in der westlichen Welt. Demnach können wir die Anatomie eines Kusses nicht einfach auf einen Ausdruck der Liebe reduzieren.

„Das Gute an den Jahren ist, dass sie Wunden heilen. Das Schlechte an Küssen ist, dass sie süchtig machen.“

Joaquin Sabina

Die Anatomie eines Kusses von einem biologischen Standpunkt aus

Aus einem physischen Blickwinkel gesehen ist ein Kuss „der Mund-zu-Mund-Kontakt zwischen zwei Menschen, oder der Druck der Lippen eines Menschen auf den Körper eines anderen“. Diese Definition wurde von Sheril Kirshenbaum, einer Biologin der University of Texas (Texas, USA), gegeben. Sie beschreibt die grundlegende Anatomie eines Kusses.

küssendes Paar

Interessanterweise kommen 32 verschiedene anatomische Strukturen ins Spiel, wenn du jemanden küsst! Und auch von einem physiologischen Standpunkt aus gesehen ist ein Kuss viel komplexer als Lippen-auf-Lippen oder Lippen-auf-Haut:

  • Die Geste dient der Erzeugung von Sinneseindrücken. Das schließt den Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn mit ein.
  • Ein Kuss geht auch mit einer chemischen Reaktion einher, dessen Boten Pheromone sind.
  • Wenn du jemanden küsst, löst du in deinem Körper zudem eine Welle der hormonellen Aktivität aus. Oxytocin wird freigesetzt und durchströmt dich. Wie du weißt, ist dieses Hormon als das „Liebeshormon“ bekannt. Es gibt dir ein gutes Gefühl. Unter all dem setzt der Körper am Ende eines Kusses eine große Menge an Serotonin frei. Dies fördert ebenfalls das Gefühl des Wohlbefindens.

Aus all diesen Gründen macht die Aussage Sinn, dass die Anatomie eines Kusses auch die Anatomie eines angenehmen Moments sei.

Die Bedeutung eines Kusses

Eines der Fragen, die wir am Anfang gestellt haben ist, ob das Küssen instinktives oder erlerntes Verhalten ist. Es gibt verschiedene Fakten, die für letzteres sprechen. Einer davon ist der Gebrauch des Kusses in der Vergangenheit. Zum Beispiel das Küssen im Mittelalter zuweilen untersagt. Damals küssten nur ungebildete Menschen. Und sie taten es nicht, weil sie einander mochten. Sie küssten, um Verträge zu besiegeln, weil sie nicht in der Lage waren, diese zu unterschreiben.

Ebenso haben Forscher festgestellt, dass die Anatomie eines Kusses für Frauen und Männer unterschiedliche Bedeutungen hat. Frauen schätzen ihn mehr. An und für sich sehen sie ihn als Zeichen der Zuneigung, würdigen ihn vor und nach dem Sex. Männer hingegen verstehen ihn als Einladung zum Sex.

Darstellung eines sich küssenden Paares

Es scheint, als entschieden Menschen mehr unter kulturellem Einfluss, ob und wen sie küssen, als instinktiv. Aber wir dürfen die Bedeutung des Instinkts nicht abtun, denn sie ist nicht unwesentlich. Wir können das anhand einer einfachen Tatsache belegen: Unsere Vorfahren lernten, die rote Farbe zu erkennen. Auf diese Weise konnten sie die reife Frucht viel schneller ausfindig machen. Das war für ihr Überleben grundlegend.

Viele alte Kulturen legten einen ähnlichen Schwerpunkt auf das Rot der Lippen, vor allem der weiblichen Lippen. Deshalb entwickelten viele von ihnen Methoden, um ihre Lippen zu färben, zu vergrößern, nach außen zu stülpen. Dies deutet darauf hin, dass jene Kulturen eine Assoziation zwischen den Lippen und dem Überleben herstellten. Dieses spezielle Beispiel unterstützt die Hypothese des instinktiven Küssens.

Sich küssendes Paar

Wenn wir jemanden küssen, tauschen wir zahlreiche Mikroorganismen aus. Das regt das Immunsystem an. Der Kuss stimuliert die Speichelproduktion und die Atmung. Forscher haben zudem herausgefunden, dass Menschen, die ihren Partner morgens küssen, seltener krank werden. Außerdem haben sie weniger Verkehrsunfälle und leben bis zu fünf Jahre länger.

Es gibt viele Aspekte des Kusses, die wir noch verstehen lernen müssen. Doch wir können sagen, dass die Anatomie eines Kusses wundervolle Mysterien enthält, die dem Leben Farbe und Würze verleihen.