Der Schein trügt nicht, hohe Erwartungen aber schon

· 19. April 2018

Hohe Erwartungen enden oft in Enttäuschungen. Dies passiert, wenn wir all unsere Hoffnung auf gewisse Menschen setzen und sie letztendlich wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Manchmal ist es nicht der Schein, der trügt. Stattdessen sind es unsere eigenen, zu hohen Erwartungen.

Vielleicht denkst du, dass hohe Erwartungen im Leben nötig und motivierend seien. In diesen Erwartungen ruht dein Vertrauen in dich selbst und das Gefühl, dass du das Beste verdienst. Und damit hast du recht. Es ist bekannt, dass hohe Erwartungen eine stärkere Hirnaktivität hervorrufen, sobald wir uns einer speziellen Aufgabe stellen. Zudem erweitern sie unser Spektrum möglicher Reaktionen.

Nun ist das wahre Problem nicht die Motivation und das Reaktionsvermögen, das wir aus hohen Erwartungen ableiten. Das Problem besteht eher darin, was wir ihnen zuschreiben. Aber auch darin, wie sehr wir das Risiko der Enttäuschung verbergen, das sie mit sich bringen.

„Gesegnet sei der, der nichts erwartet. Er wird nie enttäuscht werden.“

Alexander Pope

Ob du es glaubst oder nicht, viele von uns haben viel höhere Erwartungen, als die Realität jemals erfüllen kann. Zu hohe Erwartungen kommen also sehr häufig vor. Kennst du nicht auch jemanden, der ewig enttäuscht ist, weil seine Mitmenschen seinen überhöhten Erwartungen niemals gerecht werden?

Ein Leben im einsamen Perfektionismus, in idealisierten Beziehungen und unrealistisch loyalen Freundschaften bringt nur Enttäuschungen. Du fällst in die ewige Falle des „Ich verdiene das Beste“, ohne zu bemerken, dass das Beste nicht zwangsläufig perfekt oder ideal ist. Es erfordert Arbeit, wahres Glück zu erreichen. Und es erfordert mitunter, Erwartungen realistischer zu gestalten.

Frau als Marionette

Die Falle von hohen Erwartungen

Manche sagen, dass unser Selbstkonzept mit den Menschen verwoben sei, die ein Teil unseres Lebens waren und noch immer sind. Unsere Eltern, Lehrer, Freunde und Kollegen machen den Stoff unseres Selbstbildes aus. Wenn wir diesem Stoff noch unsere Erwartungen an andere hinzufügen, sehen wir, was für dichtes Netz wir eigentlich weben.

Lasst uns für einen Moment über diese eigenartige Ironie nachdenken: Viele von uns verhalten sich mehr oder weniger so, wie es andere von ihnen erwarten. Doch wenn sich andere nicht so verhalten, wie sie es wollen, verzweifeln sie. Es ist ohne Zweifel der Gipfel ihres Elends. Des Weiteren sehen wir in Beziehungen oft, dass einer von beiden hohe und starre Erwartungen an den anderen stellt. Im Grunde genommen hat er ein Drehbuch erstellt, in dem alles geschrieben steht, was der andere tun und sagen muss. Auf diese Weise bestätigt er sich selbst.

Frau, die einen Stoff webt

Barry Schwartz ist Professor der Psychologie am Swarthmore College (Pennsylvania, USA). Zudem ist er der Autor von bekannten Büchern wie The Paradox of Choice  (zu Deutsch: Das Paradox der Wahl,  nicht auf Deutsch verfügbar). Er erklärt, dass wir in Bezug auf Beziehungen oder Freundschaften mit Erwartungen sparen sollten. Und wenn wir sie nicht begrenzen können, sollten wir sie auf uns selbst richten.

Erwarte nichts von niemandem, erwarte alles von dir.

In dieser Aussage steckt große Weisheit. Zunächst sollten wir in unser eigenes Wachstum investieren. Wir sollten zur besten Version unserer selbst werden, wenn wir aufhören wollen, nach vermeintlich perfekten Menschen zu suchen.

Der Michelangelo-Effekt

Selbsthilfebücher erinnern uns daran, dass „das Beste noch kommen wird“  und dass „um die Ecke etwas Tolles auf dich wartet“.  Und ja, diese Art von Denkansätzen füllen uns mit Hoffnung und Fantasien, die unsere Augen bisher nicht erkannten Möglichkeiten gegenüber öffnen. Jedoch müssen wir vorsichtig sein. Denn der Gedanke, dass es da draußen immer etwas Besseres gäbe, kann uns in eine ewige, zum Misserfolg verdammte Suche stürzen. In eine niemals endende Wartezeit.

„Wenn die Erwartungen auf Null reduziert sind, schätzt man wirklich alles wert, was man hat.“

Stephen Hawking

Auf diesem Konzept baut auf, was wir den „Michelangelo-Effekt“ nennen. Als Michelangelo, der große Künstler der Renaissance, einen Steinblock sah, erblickte er in ihm ein schlafendes Wesen, das er aufwecken wollte. Die Magie war da, versteckt, verborgen. Er musste nur seine Werkzeuge nehmen und an ihm meißeln, von oben nach unten. Mit Geduld, Intelligenz, Originalität und Liebe meißelte er sich so zu jenen Kunstwerken, die wir heute kennen.

Demzufolge sind hohe Erwartungen gut, solange sie realistisch und motivierend sind. Doch lasst uns nicht vergessen, dass die besten Beziehungen diejenigen sind, an denen wir jeden Tag arbeiten. Nur, wenn wir uns bemühen, schaffen wir authentische, bereichernde Beziehungen. Mit unserer täglichen Arbeit schleifen wir die scharfen Kanten ab und kreieren Figuren der Gemeinsamkeit. Hohe Erwartungen hin oder her, die bescheidene Schönheit jeder Person verdient es, mit jener Geduld und Hingabe enthüllt zu werden, die Michelangelo innewohnte.

Getrocknete Blumen, die auf Händen liegen