Wenn Freunde uns enttäuschen

· 9. Dezember 2017

Freundschaften können verfallen, sie erlöschen wie das Licht eines Glühwürmchens, wenn es gefangen wird, wie der erste kalte Wind, der nach dem Sommer den Herbst ankündigt und dann doch von den Sonnenstrahlen noch einmal aufgewärmt wird. Es gibt viele Menschen, die uns enttäuschen, aber eine Enttäuschung durch Freunde tut besonders weh. Die Wunde, die diese Erfahrung zurücklässt, schmerzt zweifelsohne sehr und macht uns wütend. Doch mit der Zeit lernen wir aus dieser Erfahrung und werden wählerischer, was unsere Freunde angeht.

So seltsam es erscheinen mag, was in Freundschaften passiert, kann auch in der Liebe passieren. Wir haben die Freunde, die wir zu verdienen glauben. Unser Umfeld reflektiert unser Selbstwertgefühl und unsere Fähigkeit, Personen zu filtern. Wir müssen verstehen, dass Beziehungen, egal welcher Art, dynamische Einheiten sind, die sich wandeln und mutieren, wie unsere eigene Persönlichkeit.

„Ein Freund ist ein Geschenk an uns selbst.“

Robert Louis Stevenson

Es scheint, dass die Verbindung, die auf Komplizität und intimer Kameradschaft aufgebaut wurde und die voller Spontanität und emotionalem Nährwert ist, uns eine gleichgroße oder sogar größere Stütze ist als eine Liebesbeziehung. Es gibt Leute, die deshalb folgendem Sprichwort beipflichten: Eine Liebe verlieren schmerzt, einen Freund verlieren tötet. Und sozialpsychologische Studien zeigen, dass das zuvor genannte Sprichwort den Nagel auf den Kopf trifft: Einen Freund zu verlieren schmerzt ebenso sehr wie einen Partner zu verlieren.

Eine Studie, die in der Zeitschrift Epidemiologie und Gesundheitswesen  veröffentlicht wurde, erklärt, dass dies sowohl bei Männern als auch bei Frauen der Fall sei. Ein Freund sei für die meisten Menschen ein wesentlicher Bestandteil des Alltags. Freunde sind wichtig für unser körperliches und seelisches Wohlergehen.

Aus Steinen gelegte Fußspuren

Freundschaften, von denen wir nicht wissen, wie wir sie beenden sollen

Bianca ist 40 Jahre alt und hat sich entschieden, eine langjährige Freundschaft zu beenden. Diese Freundschaft hatte sie in der Kindheit geknüpft. Sie und Elisa sind zusammen aufgewachsen, da ihre Mütter befreundet waren. Elisa, das damals kleine Mädchen mit den braunen Augen und den langen Beinen wurde schnell zu ihrer Zuflucht und zu ihrer Hölle zugleich.

Als sie klein waren, zwang sie Elisa, bei Aktivitäten mitzumachen, mit denen sie nichts zu tun haben wollte. Bianca brach sich ihren Arm, als sie versuchte, über die Schulmauer zu klettern, weil Elisa es ihr befohlen hatte. Elisa erzählte sie von ihren ersten Liebschaften. Elisa war es aber auch, die ihr alle Jungs wegnahm, die ihr gefielen.

Über all die Jahre hinweg hielt Bianca eine kodependente Beziehung mit dieser manipulativen Person aufrecht. Sie war nicht fähig, sie zu beenden, zu sagen: „Hör auf, mich auszunutzen!“

Viele von uns können sich mit diesem Beispiel identifizieren. Aber die wichtige Frage ist: Warum fällt es uns so schwer, eine Freundschaft zu beenden, die uns mehr Probleme als Nutzen bringt? Nachfolgend diskutieren wir mögliche Erklärungen dafür.

Weshalb es uns schwerfällt, zu einem Freund zu sagen, dass es reicht

Der erste Grund ist sehr einfach: Wir denken, dass wir der Person Loyalität schuldig seien. Vielleicht wegen all der gemeinsam gemachten Erfahrungen, wegen der zusammen durchgestandenen Schwierigkeiten und der geteilten Geheimnisse. Eines müssen wir uns jedoch klar machen: Eine Beziehung, ob als Paar oder in Freundschaft, funktioniert nur mit einem gewissen Grad an Balance und Gegenseitigkeit. Denn Loyalität gegenüber einer Person hat keine Bedeutung, wenn es an Respekt fehlt und Gegenseitigkeit nirgendwo erkennbar ist.

Einsamkeit im kalten Nebel

Der zweite Aspekt hat mir der Idee zu tun, dass wir andere Menschen ändern könnten. Wir reden uns ein, dass wir nur geduldig sein müssten. Dass das, was heute passiert ist, sicher nicht wieder vorkäme. Wir müssten der anderen Person nur erklären, dass sie uns beleidigt hat, dass wir verletzt und enttäuscht sind…

Ein weiterer besorgniserregender Aspekt ist zweifelsohne, dass viele Menschen glauben, dass jeder die Freunde habe, die er verdiene. Wir reden uns ein, dass wir alle Fehler machen, dass wir alle unsere Makel haben, und dass es normal sei, sich zu irren und ab und zu Freunde zu verletzen, ohne es zu wollen.

Manchmal halten wir auch nur aus Angst oder Einsamkeit an Freundschaften zu Personen fest, die toxisch sind und unsere Energievorräte aufzehren. Das ist nicht in Ordnung, und deswegen ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass gute Freunde diejenigen sind, die uns jeden Tag zu besseren Menschen machen. Diejenigen, die nicht versuchen, uns zu ändern, sondern uns zu stärkeren Menschen machen wollen, und die wissen, dass wir Wohlbefinden, Balance und Glück verdienen.

Eine Enttäuschung durch Freunde macht es nötig, Entscheidungen zu treffen

Gretchen Rubin, Autorin einer interessanten Schrift mit dem Titel Das Glücksprojekt,  erklärt, dass viele von uns den Alltag lebten, indem sie sich treiben ließen. Dieses Konzept ist interessant, denn, so wie es die Autorin beschreibt, handele es sich beim Sich-treiben-lassen um die Entscheidung, uns dem gegenüber passiv zu verhalten, was wir in unserem Leben wollen oder nicht wollen.

„Es gibt Leute, die denken, es sei genug, dein Freund sein zu wollen. So als sei es genug, sich Gesundheit zu wünschen, um gesund zu sein.“

Aristoteles

Wenn wir keine Entscheidung treffen oder sie immer wieder aufschieben, bedeutet das, in einer Art Ersatzglück zu leben. Wir haben unbedeutende Beziehungen mit Personen, die uns immer wieder enttäuschen, die wir aber dennoch an unserer Seite behalten. Das erlauben wir aufgrund irrigen Sinnes für Loyalität oder der Angst vorm Alleinsein, so wie es oben beschrieben wurde.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir die Kinder- und Jugendjahre hinter uns gelassen haben, in denen wir keine Filter angewendet haben. In denen wir jeden in unser Leben gelassen haben, auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Emotionen. Reife erlangen bedeutet aber vor allem, nun selektiver zu sein und nach Qualität in unseren Beziehungen zu suchen.

Eine Enttäuschung durch Freunde lässt uns erahnen, mit welcher Art Freund wir es zu tun haben. Wir müssen dann handeln und eine Entscheidung treffen, auch wenn es wehtut, auch wenn es sich um eine Freundschaft handelt, die unser halbes Leben angedauert hat. Denn was uns Leid zufügt, was uns verletzt und uns das Herz bricht, ist keine Freundschaft.

Wir müssen lernen, wählerisch zu sein, wahre Freundschaften wertzuschätzen, die magisch und aufregend sind. Die, die uns etwas lehren, und zu denen wir etwas beitragen, weil sie uns in eine bessere Version unserer selbst verwandeln.