Das Hexaflex-Modell in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)

Das Hexaflex-Modell ist der Kern der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Erfahre mehr darüber.
Das Hexaflex-Modell in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 22. August 2022

Das Modell der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) zeichnet sich dadurch aus, dass es sich auf den Kontext konzentriert, in dem die kognitiven Aktivitäten stattfinden. Damit reduziert diese Therapieform die Bedeutung des inhaltsbezogenen Blickwinkels früherer Therapien. Eines der Hauptziele ist, psychologische Flexibilität zu entwickeln und den bewussten Kontakt mit der Gegenwart zu fördern. In diesem Zusammenhang betrachten wir heute das Hexaflex-Modell, das die psychologische Flexibilität fördert.

Auf theoretischer Ebene zielt das Modell darauf ab, verbale und kognitive Funktionen einer genaueren und freiwilligen kontextuellen Regulierung zu unterwerfen, um das Verhalten auf Werte auszurichten. Nach diesem Modell gibt es sechs Prozesse, die psychologische Flexibilität erzeugen: Akzeptanz, der gegenwärtige Augenblick, Werte, engagiertes Handeln, Selbst als Kontext und Defusion. 

Die Beziehung zwischen diesen Prozessen wird oft durch ein Sechseck dargestellt, daher der Name Hexaflex-Modell. Durch diese sechs Komponenten will die Akzeptanz- und Commitment-Therapie Menschen auch befähigen (Ribero-Marulanda und Agudelo-Colorado, 2016),

  • Strategien zur Kontrolle interner Ereignisse zu erkennen und abzulegen,
  • Erfahrungen zu beobachten, ohne diese zu etikettieren und
  • sich auf wertvolle, ergebnisorientierte Verhaltensweisen zu konzentrieren, um flexible und effektive Maßnahmen zu entwickeln.

Im Folgenden werden wir uns ansehen, woraus jeder der sechs Prozesse des Hexaflex-Modells besteht.

Frau in der Therapie nutzt das Hexaflex-Modell
Das Hauptziel der ACT ist die Entwicklung der psychologischen Flexibilität der Patienten.

Das Hexaflex-Modell

Das Hexaflex-Modell ermöglicht es, psychologische Probleme zu klassifizieren und zu behandeln. Jeder Prozess entspricht einem Grundprinzip der ACT. Das Diagramm hilft der Therapeutin oder dem Therapeuten, einen Ausgangspunkt für die Intervention zu wählen, um die psychologische Flexibilität zu fördern. Dies hilft den Patienten, mit schwierigen Situationen besser umzugehen, diese zu akzeptieren und sich anzupassen.

In stressigen Situationen schützt die psychologische Flexibilität vor negativen Gefühlen und kann die psychische Gesundheit fördern. Sie ist auch ein Puffer gegen Stress und negative psychologische Folgen.

Wir betrachten nachfolgend die einzelnen Prozesse des Hexaflex-Modells zur Förderung der psychologischen Flexibilität etwas genauer.

1. Akzeptanz

Im Hexaflex-Modell ist Akzeptanz die urteilsfreie Wahrnehmung der Dinge, es ist das Annehmen dessen, was das Leben uns bringt. Es geht darum, es “vollständig anzunehmen, in dem Moment, in dem es gegeben wird, ohne uns zu verteidigen” (Hayes, 2013). Akzeptanz ist eine Haltung, die uns motiviert, Herausforderungen nicht auszuweichen. Sie ist eine Einladung, Ja zum Leben zu sagen, wenn es wenig Sinn ergibt, gegen unangenehme Erfahrungen anzukämpfen.

Wir können beispielsweise das Älterwerden nicht stoppen, doch wir können es akzeptieren und uns darin entfalten. Es geht um das vitale Engagement im Hier und Jetzt.

“Akzeptanz ist wirklich eine andere Art, im Leben zu sein, freundlich und offenherzig mit unserer inneren Landschaft zu leben, mit dem, was uns passiert, und das voll und ganz zu umarmen.”

O’Connell, 2018

Die Essenz der Akzeptanz ist, sich dem Fluss des Lebens nicht zu widersetzen. Kampf und Widerstand bringen oft nur unnötiges Unbehagen und Leid.

2. Defusion

Die Defusion zielt nicht darauf ab, dysfunktionale Gedanken umzuwandeln, wie es bei der kognitiven Umstrukturierung der Fall ist, sondern diese aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Der kontinuierliche Gedankenstrom kann quälend sein und uns in eine negative Spirale führen. Die Defusion hingegen lässt uns erkennen, dass weder Worte noch Gedanken Realität sind. Es geht nicht darum, unerwünschte, ängstliche oder aufdringliche Gedanken zu verändern, sondern diese zu entschärfen und sich davon zu lösen. Die Defusion hilft dir, Abstand zu gewinnen und deine eigenen Werturteile weniger ernst zu nehmen. Du kannst den Unterschied zwischen deiner mentalen Aktivität und dir selbst besser wahrnehmen. 

Die Defusion hilft dir zu erkennen, dass deine Gedanken nicht die Realität, sondern die Schöpfung deines Geistes sind. Außerdem erreichst du mit dieser Technik auch folgende Ziele:

  • Reduzierung der Identifikation mit deinen inneren Erfahrungen
  • Verringerung der Wahrhaftigkeit deiner Gedanken
  • Weniger Einfluss der Gedanken auf dein Verhalten und deine Erfahrungen
  • Verbesserung der kognitiven Flexibilität

3. Der gegenwärtige Augenblick

Ohne das Bewusstsein des gegenwärtigen Augenblicks konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf unser psychisches Leben. Im Rahmen der ACT geben Therapeuten ihren Klienten Strategien an die Hand, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die Idee ist, dass, wenn sich unsere Umgebung ständig verändert und wir uns darüber bewusst sind, auch der Inhalt unseres psychischen Lebens fließt und so behindernde Grübeleien vermieden werden.

Dieses Training ist notwendig, da starre, nicht präsente Aufmerksamkeit mit psychischen Störungen verbunden ist. Achtsamkeit steht in einem positiven Zusammenhang mit unserem psychischen Wohlbefinden (Bowlin und Baer, 2012). Sie kann auch verschiedene psychologische Symptome und emotionale Reaktivität reduzieren und die Verhaltensregulierung verbessern.

Durch Achtsamkeit wird die Aufmerksamkeit mit Offenheit, Empfänglichkeit und Neugier auf die Erfahrung des Hier und Jetzt gelenkt. Damit kannst du Akzeptanz entwickeln, denn diese Praxis bedeutet eine Verpflichtung gegenüber dem gegenwärtigen Leben.

4. Das Selbst als Kontext

Wir sind oft mit den Geschichten und Erzählungen verschmolzen, die wir uns einreden, und können deshalb oft nicht flexibel reagieren. Diese psychologische Starre oder Inflexibilität ist nicht unbedingt mit negativen Gedanken verbunden. So kann es passieren, dass du davon überzeugt bist, ein liebevoller Mensch zu sein und deshalb nicht erkennst, dass du andere trotzdem verletzen kannst. Das Selbst als Kontext erlaubt es dir nicht, diese Geschichte aus einer anderen Perspektive zu sehen und deine Bindung zu dieser zu lösen.

Im Hexaflex-Modell ist das Selbst als Kontext ein Raum, von dem aus du deine Erfahrungen beobachtest. Es besteht eine Trennung zwischen dem Selbst als Bewusstsein und dem Selbst als Inhalt der psychologischen Ereignisse. Wir können sagen, dass diese Qualitäten der Einbeziehung und Unterscheidung flexiblere Verhaltensmuster fördern (Chin und Hayes, 2017).

5. Werte

Im Hexaflex-Modell sind Werte ausgewählte Qualitäten des Seins und Handelns. Wenn wir auf der Grundlage dieser Werte handeln, bauen wir ein adaptives Verhaltensrepertoire auf: Die verstärkenden Wirkungen einer Handlung existieren im gegenwärtigen Moment und nicht in den externen Ergebnissen, die wir erreichen können (Chin und Hayes, 2017).

Werte stehen im Mittelpunkt unseres Lebens, sie sind unser Kompass und leiten uns bei der Suche nach dem, was in uns nachklingt. Sie sind auch eine der Grundlagen für eine authentische Existenz. In diesem Sinne argumentiert Van Deurzen (2002), dass es im authentischen Leben darum geht, Entscheidungen im Einklang mit Werten zu treffen, von denen wir wissen, dass sie es wert sind, sich dafür einzusetzen.

In unserem Leben sind Werte das Fundament des Lebenssinns. Indem wir uns dazu verpflichten, sie zu verwirklichen und in Übereinstimmung mit ihnen zu leben, bauen wir ein wertvolles, lebenswertes Leben auf.

“Mein Leben wird nur dann sinnvoll sein, wenn ich mein eigenes Wertesystem entwickle.”

Adams, 2012

Frau spricht in der Therapie über das Hexaflex-Modell
In der ACT haben Werte damit zu tun, wie wir sein wollen und was wir in unserem Leben erreichen möchten.

6. Engagiertes Handeln

Ein wertvolles Leben wird durch konkrete Handlungen geprägt, die von unserem Wertesystem geleitet werden. Außerdem verlangt es von uns, wichtige Wege immer wieder zu gehen (O’Connell, 2018).

In der ACT sind Verpflichtungen keine Versprechen, die in der Zukunft gemacht werden. Vielmehr sind es Entscheidungen, die sinnvolles Handeln ermöglichen. Fehler werden im engagierten Handeln nicht als Versagen angesehen, sondern als Chance, die Verantwortung zu übernehmen und wieder werteorientiert zu handeln.

Das engagierte Handeln ist vielleicht das Kernstück der Veränderung. Die Idee ist, uns nach dem Erkennen der Werte zu Aktionsplänen zu verpflichten, die auf diese Werte abgestimmt sind. Auf diese Weise vermeiden wir es, die Dissonanzen aufzulösen, welche uns so viel Unbehagen bereiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Hexaflex-Modell dazu beiträgt, ein sinnvolles und wertvolles Leben zu führen. Es ermutigt uns zur Haltung der Akzeptanz, Offenheit und Widerstandslosigkeit. Wir müssen unsere Werte explizit definieren und Aktionspläne erstellen, in denen wir sie umsetzen.

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  •  Adams, M. (2013). A concise introduction to existential counselling.
  • Bowlin, S. L., & Baer, R. A. (2012). Relationships between mindfulness, self-control, and psychological functioning. Personality and individual differences52(3), 411-415.
  • Chin, F., & Hayes, S. C. (2017). The Acceptance and commitment therapy and the cognitive behavioral tradition: assumptions, model, methods, and outcomes. In Hofmann, S. & Asmundson, G. Science of Cognitive Behavioral Therapy (pp. 155–173). Academic Press.
  • Gloster, A. T., Meyer, A. H., & Lieb, R. (2017). Psychological flexibility as a malleable public health target: Evidence from a representative sample. Journal of Contextual Behavioral Science6(2), 166-171.
  • Hayes, S. C. (2013). Sal de tu mente, entra en tu vida. Desclée de Brouwer.
  • Masuda, A., Anderson, P. L., Wendell, J. W., Chou, Y. Y., Price, M., & Feinstein, A. B. (2011). Psychological flexibility mediates the relations between self-concealment and negative psychological outcomes. Personality and Individual Differences50(2), 243-247.
  • O´Connell, M. (2018). Una vida valiosa: los procesos de la terapia de aceptación y compromiso. Ediciones B.
  • Ribero-Marulanda, S., & Agudelo-Colorado, L. (2016). La aplicación de la terapia de aceptación y compromiso en dos casos de evitación experiencial. Avances en Psicología Latinoamericana34(1), 29-46.
  • Schultz, J. (2021, 21 de marzo). What is act?The hexaflex model and principles explained. https://positivepsychology.com/act-model/
  • Van Deurzen, E. (2002). Existential counselling & psychotherapy in practice (2ª ed.). Sage.