Mikroexpressionen nach Paul Ekman

· 28. August 2018

Paul Ekman ist laut der American Psychological Association einer der angesehensten und einflussreichsten Psychologen des 21. Jahrhunderts. Er ist führend auf dem Gebiet von Mimik und Emotionen und beschäftigt sich heute vor allem mit dem Phänomen der Lüge. Darüber hinaus entdeckte er, was wir heute als Mikroexpressionen bzw. Mikromimik kennen. In diesem Artikel erklären wir, was das genau ist und warum es wichtig ist!

Nach Ekman nutzen wir Mikromimik in jedem unserer Gespräche. Dieses ist den meisten Gesprächspartnern jedoch gar nicht bewusst. Mikroexpressionen sind flüchtige Bewegungen der ausdrückenden Muskulatur, die der Sprecher nicht kontrollieren kann. Sie repräsentieren verschiedene Emotionen, die wir im Folgenden diskutieren werden.

Von den Fakten zur Theorie

Paul Ekman ist einer der wenigen Menschen, der wirklich weiß, wie Emotionen auf unseren Gesichtern wirklich aussehen. Er publizierte jahrelang über Gesichtsausdrücke, erhielt dann aber Zuspruch für ein Projekt, das zum Wendepunkt seiner Karriere werden sollte. Die finanzielle Unterstützung seiner Forschungsarbeit half ihm, den Ursprung von Emotionen in mehr als zwanzig Kulturen vor Ort genau zu untersuchen.

Dank seiner Forschungsergebnisse kam Ekman zu dem Schluss: Emotionen sind nicht kulturell, sondern biologisch bedingt. Daher sind sie universal, genetisch vorgegeben und nicht erlernt. Die Muskelgruppen in unserem Gesicht folgen in ihren Kontraktionen einem bestimmten Muster, das von dem emotionalen Zustand abhängt, in dem wir uns befinden. Wenn wir glücklich sind, werden wir eine radikal andere Bewegung machen, als wenn wir uns von Angst überwältigt fühlen. Auf dieser These, dass unser Gesichtsausdruck genetisch bedingt sei, basieren noch zwei weitere Thesen Ekmans.

Ein Bild von Paul Ekman

Mikroexpressionen: überall gültig und mit Emotionen zusammenhängend

Die erste Idee Ekmans besteht darin, dass Mikroexpressionen bei allen Menschen in der gleichen Weise auftreten. Das heißt, alle Menschen, ungeachtet ihrer Kultur, ihrer Entwicklung, der Art und Weise, wie sie aufgewachsen sind oder wie sie ihre Kindheit verbracht haben, öffnen zum Beispiel ihren Mund, um Überraschung auszudrücken.

Die zweite Idee ist, dass es eine Gruppe von universalen Emotionen gebe, die eng mit diesen kleinen Gesten verbunden seien. Ein angedeutetes Lächeln, ein schnelles Heben der Augenbraue, ein plötzliches Rümpfen der Nase … All dies sind kleine Variationen der Mimik. Mikromimik geschieht unwillkürlich, ist praktisch nicht wahrnehmbar und und spiegelt in den meisten Fällen unsere Emotionen wider.

Da es weltweit die gleichen Emotionen und daher auch bestimmte Arten gibt, wie man diese ausdrückt, können andere Menschen jene Mikromimik dennoch erkennen und verstehen. Plausibel für Ekman ist daher auch, dass manche Menschen sich dies zunutze machen können.

Mikroexpressionen, die Emotionen ausdrücken

Wir brauchen Emotionen, um Entscheidungen zu treffen, zu kommunizieren, andere zu verstehen und die Weitergabe unserer Gene sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund identifizierte Ekman bis zu 10.000 verschiedene Gesichtsausdrücke. Im Jahr 1978 klassifizierte er sie zusammen mit Wallace Friesen in seinem Facial Coding System (FACS), basierend auf der Anatomie der Gesichtsmuskeln.

Können wir erkennen, welche Gefühle jemand empfindet, der die Nase rümpft? Können wir sagen, ob jemand Angst hat, nur indem wir dieser Person in die Augen sehen? Schauen wir uns doch die Mikroausdrücke an, die sechs universellen Emotionen entsprechen:

  • Glück: Wangen werden durch Muskelkontraktion nach oben gezogen. Mundwinkel werden zurückgezogen und angehoben. Fältchen bilden sich unter den Augen. Kleine Falten werden auch zwischen Nase und Oberlippe und im äußeren Bereich der Augen sichtbar.
  • Ekel: Hochgezogene Oberlippe. Generell sind die Lippen asymmetrisch verzogen. Falten bilden sich an der Nase und in der Nähe der Oberlippe. Die Stirn wird kraus gezogen. Wangenmuskeln werden nach oben gezogen, die unteren Augenlider sind ein wenig gesenkt.
  • Zorn: Augenbrauen senken sich, werden zusammengezogen und stehen oft in einem Winkel zueinander. Straffes Unterlid. Die Lippen sind angespannt oder offen, als ob die Person schreien würde. Auffallend markanter Blick.
  • Angst: Erhöhung und Kontraktion der Augenbrauen. Erhöhtes oberes und vertieftes unteres Augenlid. Angespannte Lippen. Gegebenenfalls kann der Mund offen stehen.
  • Überraschung: Augenbrauen gehoben, in einem Halbkreis angeordnet. Dehnung der Haut unter den Augenbrauen. Offene Augen, Augenlider oben erhöht und unten vertieft. Kiefer senkt sich.
  • Traurigkeit: Die Außenwinkel der Augen weisen leicht nach unten. Innenseiten der Augenbrauen heben sich an und Mundwinkel weisen nach unten, Lippen können sogar zittern.
Eine Frau hat ihre Hände vors Gesicht geschlagen.

Lügen erkennen lernen in 32 Stunden

Paul Ekman sagt, dass Menschen häufig aus einem Grund lügen. Sie wollen nämlich der Strafe entgehen, die ihnen droht, wenn sie eine Regel gebrochen haben. Der Wissenschaftler glaubt, dass das Kennen von einzelnen Mikroexpressionen uns helfen könne, die Lügen anderer Menschen zu enttarnen.

Die oben beschriebenen Mikrobewegungen dauern ungefähr 1/25 Sekunde. Wenn ein menschliches Auge nicht trainiert ist, kann es diesen flüchtigen Ausdruck nicht wahrnehmen. Um dies zu demonstrieren, entschied der Psychologe, etwa 15.000 Menschen zu testen. Er zeigte, dass 99 % der Teilnehmer nicht in der Lage waren, Mikromimik korrekt zu lesen.

Von da an begann Ekman, die Konsequenzen zu überdenken, die es hätte, wenn es mehr Menschen möglich wäre, diese Mikroexpressionen zu lesen. Deshalb begann er, Workshops zu geben, in denen er die Teilnehmer unterrichte, wie man Lügner anhand ihrer Mikromimik entlarven kann. Ekman versprach den Teilnehmern sogar, in nur 32 Stunden selbst in der Lage zu sein, Lügen aufdecken zu können!

Der Schlüssel ist, die Variationen und Dissonanzen im Verhalten einer Person zu identifizieren. Zum Beispiel, wenn jemand etwas bestätigt und gleichzeitig seine Schultern leicht anhebt, erzählt diese Person wahrscheinlich gerade eine Lüge. Das gleiche gilt, wenn sie sich an der Nase kratzt oder den Kopf zur Seite legt.

Keine Methode ist jedoch zu 100 % zuverlässig. Es gibt immer eine kleine Fehlerspanne. Wie der Schriftsteller Roberto Espinosa betont, hängt die Zuverlässigkeit mehr vom Analysierenden als vom Gestikulierenden ab: „Es heißt, dass es keine schlechten Lügner gebe, sondern nur wissende Experten.“

Die Unwillkürlichkeit der Mikroexpressionen

Wenn es darum geht, Mikroausdrücke zu erkennen, hilft die Tatsache, dass wir sie nicht kontrollieren können. Das heißt, wir können sie gar nicht vollständig verstecken oder verbergen. Wir können zwar versuchen, sie für eine Weile zu unterdrücken, aber es ist praktisch unmöglich, sie die ganze Zeit zu maskieren. Selbst die hinterlistigsten und pfiffigsten Lügner sind nicht in der Lage, ihr Unterbewusstsein auf unbestimmte Zeit zu kontrollieren. Früher oder später kann dann ein geschultes Auge diese Lügner erkennen.

Obwohl Training hilfreich sein kann, um Mikroausdrücke zu entziffern, ist es manchmal nicht so einfach. In der Praxis bedeutet das nämlich, dass wir eine Person genau beobachten müssen, um sie beim Lügen zu ertappen. Wir müssen sie praktisch anstarren … und das kann für die betreffende Person unangenehm werden.

Die meisten Lügen haben Erfolg, weil sich niemand darum bemüht, die Wahrheit herauszufinden.

Das ernste Gesicht einer Frau, das halbseitig von einem Schatten verdeckt wird

Training hilft uns, diese Fähigkeiten zu entwickeln

Laut Paul Ekman kann es uns helfen, wenn wir üben, Mikroexpressionen zu erkennen. Denn solches Training bewirkt gleichzeitig, dass wir bestimmte soziale und emotionale Fähigkeiten entwickeln. Diese Fähigkeiten umfassen emotionale Intelligenz und Empathie sowie ein besseres emotionales Management.

Eine Emotion verstecken … das ist auch lügen.

Durch schnelles Erkennen dieser Mikroexpressionen können wir bestimmte Verhaltensweisen zuordnen und die Gefühle unserer Mitmenschen abschätzen. Es hilft uns auch, unsere eigenen Emotionen besser wahrzunehmen und auszudrücken, was wiederum die Chancen erhöht, dass andere uns verstehen.