George Orwell: 1984

· 16. Oktober 2018

Die Romane 1984 und Farm der Tiere  zählen zu den bekanntesten Werken George Orwells. Dieser Autor hinterließ uns politische Literatur mit hochinteressanten psychologischen Nuancen. Orwell ist berühmt für seine Ideologie des demokratischen Sozialismus und Antitotalitarismus. Tatsächlich reiste Orwell während des Bürgerkrieges nach Spanien, um in der POUM-Miliz den Faschismus zu bekämpfen. Er teilt diese Geschichte in seinem Buch Mein Katalonien.

1984  ist ein dystopischer Roman, der auf der Idee einer totalitären Regierung basiert. Diese Regierung eines fiktives Ortes namens Ozeanien hat eine Gesellschaft geschaffen, die auf der totalen Kontrolle der Regierung über alle Informationen basiert. Die Grundidee ist: Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit kontrolliert, wird die Zukunft kontrollieren. Heute betrachten viele den Roman als eine großartige Arbeit, um über unsere gegenwärtige Gesellschaft nachzudenken, sich zu fragen, inwieweit wir zu einer „orwellschen Gesellschaft“ geworden sind?

Im Laufe des Romans präsentiert Orwell eine Reihe interessanter Konzepte aus einer psychologischen Perspektive. In diesem Artikel werden wir einige dieser Konzepte ausführlich analysieren. Insbesondere sprechen wir über (a) doppeltes Denken, (b) neue Sprache und (c) eine Gesellschaft, die auf der Kontrolle von Informationen basiert.

Legofiguren in Reihe und Glied

Doppeldenk in 1984  und in unserer Gesellschaft

Erstens ist einer der wichtigsten Wege, wie die Regierung die Kontrolle über die Bevölkerung behält, das Konzept des Doppeldenk. Doppeldenk beschreibt die Fähigkeit, zwei konkurrierende Meinungen gleichzeitig zu vertreten. Es geht um zwei gegensätzliche Überzeugungen, die zur selben Zeit von derselben Person vertreten werden. In Ozeanien wird die Bevölkerung in Doppeldenk erzogen, sodass sie Widersprüche akzeptiert und ihre Existenz in der Praxis versteht.

Der kontrollierten Gesellschaft aus dem Jahr 1984 bleibt die totalitäre Regierung nicht verborgen. Totalitarismus wird gelehrt, und die Menschen akzeptieren und leugnen ihn gleichzeitig. Dies spiegelt sich in den drei Slogans der Regierung wider:

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke.

Das ultimative Ziel des Doppeldenk ist, diese Denkweise zu automatisieren. Die Regierung möchte, dass sich die Bevölkerung daran gewöhnt, zwei widersprüchliche Gedanken in ihren Köpfen zu behalten, ohne zu bemerken, dass sie widersprüchlich sind. Passiert das im wirklichen Leben? Gibt es einen Syllogismus zwischen Doppeldenk und unserer Art zu denken? Hier kommt die Psychologie ins Spiel.

Viele Studien haben gezeigt, dass unser Gehirn widersprüchliche Ideen unterstützt. Dieses Konzept dreht sich um Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz. Seine Theorie besagt, dass wir dissonante Ideen haben können. Festinger gibt jedoch an, dass in unserem Gehirn Mechanismen wirken, um diese Dissonanz zu übergehen oder zu lösen. Doppeldenk sei ein Weg, Dissonanzen zu rationalisieren und es zu erleichtern, mit ihnen zu koexistieren.

In Wirklichkeit nutzen wir Doppeldenk häufiger, als wir uns vorstellen können. Und verschiedene Regierungen nutzen dies aus. Ein deutliches Beispiel ist unsere morbide Angst vor Terroranschlägen. Gleichzeitig führen viele Länder ähnliche Handlungen durch und verkaufen sogar Waffen an die terroristischen Gruppen, vor denen wir uns so sehr fürchten. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Die Rationalisierung von Widersprüchen ist ein automatischer Prozess und wir mögen ihn ausführen, ohne es überhaupt zu erkennen.

Neue Sprache

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Kontrolle der Regierung in 1984  ist die Kontrolle des Denkens. Um Gedankenkontrolle zu erreichen, versucht die Regierung, die Sprache zu verändern, sodass Gedanken praktisch anstatt für Debatten nützlich werden. Eine reale Gefahr für die Regierung besteht darin, dass die Bevölkerung zu viel nachdenkt: Das könnte das Prinzip des Doppeldenk brechen und dies würde das Ende der Regierung bedeuten. Auch nach der Sapir-Whorf-Hypothese können wir durch gezielte Veränderungen der Sprache den menschlichen Geist lenken.

Um die Kontrolle über das Denken zu erlangen, reduziert die Regierung Ozeaniens die Sprache auf ihre einfachste Form und verwandelt sie in eine völlig pragmatische Sprache. Auf diese Weise verlieren Synonyme und Antonyme ihre Bedeutung. Es ist nicht mehr interessant, die Nuancen von Wörtern zu vermitteln, die zu Urteilen und Interpretationen führen. Antonyme erzeugen Konflikte und Konflikte ebnen den Weg der Vernunft. Ein Beispiel dafür könnte sein, das Wort „Krieg“ aus dem Wörterbuch zu entfernen und nur über mehr Frieden oder weniger Frieden zu sprechen.

Labyrinth im Kopf

Die Lektion, die wir von dieser „neuen Sprache“ lernen können, ist, dass Sprache eine gefährliche Waffe ist. Sie ist fähig dazu, unsere Wahrnehmung und unser Denken zu verändern. Daher kann ein politischer Diskurs je nach verwendeten Wörtern sehr unterschiedlich aussehen. Wenn ein Politiker versucht, Wörter wie „Demokratie“, „Verfassung“ und „Frieden“ gegen Worte wie „Angriff“ oder „Krieg“ einzusetzen, versucht er, die Sympathie der Bürger zu zu erlangen. Aktuell wird durch die Verwendung von Begriffen wie Lügenpresse und Grenzöffnung Angst geschürt, während andernorts aus Menschen Zahlen werden, die offensichtlich kein Leid empfinden können. Deswegen ist es wichtig, die Gründe dafür zu suchen, wieso Menschen eine spezifische Sprache verwenden.

Die Kontrolle von Informationen

Schließlich beobachtet und kontrolliert „Big Brother“ in 1984  immer alles. „Big Brother“ beobachtet seine Bürger überall, auch in ihren eigenen vier Wänden. Auf familiärer Ebene werden Kinder dazu angeleitet, ihre Eltern zu beobachten und sie zu denunzieren, wenn sie ein Verbrechen begehen. Ein wichtiger Aspekt der Kontrolle ist die Manipulation von Informationen.

Im Falle von Ozeanien kann die Regierung die Vergangenheit neu schreiben, um die Stabilität der Regierung zu erhalten. In dem Roman widmet sich das Ministerium für Wahrheit der Änderung von Schriften, Zeitungen und Büchern zugunsten derjenigen, die nach Macht lechzen.

Wir sind auch heute nicht immun gegen Manipulation und die Kontrolle von Informationen. Und insbesondere in den so beliebten sozialen Netzwerken fehlt oft jeglicher Filter, um manipulierte Nachrichten als solche erkennen zu können. Deshalb verlangt uns jede Information, die wir empfangen, ab, dass wir kritisch über das nachdenken, was wir lesen. Auch heute noch ist das kritische Denken des Einzelnen die Säule der Demokratie.

Zusammenfassend stellt Orwell in 1984  eine sehr interessante dystopische Gesellschaft mit großen Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft vor. Es ist wichtig, über diese Parallelen nachzudenken und die möglichen Fehler in unseren eigenen Gesellschaften zu identifizieren. Wenn wir vermeiden wollen, uns in Richtung einer orwellschen Welt zu entwickeln, ist es essenziell, gegenüber den Mechanismen, die uns beeinflussen und überzeugen, eine kritische Haltung einzunehmen.