Geistige Behinderung: Definition und Typen

· 28. August 2018

Eine Person mit einer geistigen Behinderung hat weniger kognitive Ressourcen, als es im entsprechenden Alter erwartet würde. Das macht das Lernen viel schwieriger und es erfordert mehr Anstrengungen, in manchen Kontexten bestimmte Botschaften zu kommunizieren. Diese Art der Behinderung wird in der Regel vor dem 18. Lebensjahr festgestellt und betrifft bis zu 1 % der Weltbevölkerung.

Dabei ist es wichtig, zu beachten, dass eine geistige Behinderung keine psychische Krankheit ist, sondern eine Entwicklungsstörung. Menschen mit geistiger Behinderung sind im Wesentlichen wie alle anderen Menschen auch: Sie haben ihre eigenen Träume, Interessen, Geschmäcker und Vorlieben. Wir dürfen die Störung daher nicht stigmatisieren. Welchen besseren Weg gäbe es, die Entstehung von Vorurteilen zu vermeiden, als etwas über diese Beeinträchtigung zu lernen?

Geistige Funktionsweise und adaptives Verhalten

Es gibt verschiedene Grade von geistigen Behinderungen, und jeder Betroffene hat seine eigenen Schwierigkeiten. Die Behinderung schafft aufgrund der unvollständigen Ausprägung kognitiver Fähigkeiten Probleme beim Denken, Abstrahieren, Planen, der Problemlösung und somit beim Lernen. Die Anpassungsfähigkeit betroffener Personen kann daher sehr begrenzt sein, sowohl in Bezug auf konzeptionelle als auch auf soziale und praktische Aspekte des Lebens. So ist ihre Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, ihr Lese- und Schreibvermögen sowie ihr Verantwortungs- und Selbstwertgefühl geringer entwickelt als bei anderen Menschen. Bei täglichen Aktivitäten wie der eigenen Körperpflege, der Zubereitung von Speisen und der Pflege sozialer Kontakte hängt die Autonomie von der Schwere der Behinderung ab.

Eine geistige Behinderung kann zusätzlich von bestimmten Veränderungen der körperlichen und geistigen Gesundheit des Einzelnen begleitet werden. Diese wiederum können andere Aspekte des Wohlbefindens beeinflussen. Einige Syndrome, die eine geistige Behinderung begleiten können, sind Down-Syndrom, Dravet-Syndrom, Prader-Willi-Syndrom, Rett-Syndrom und Fragiles X-Syndrom. Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes, HIV, Geschlechtskrankheiten und Demenz machen eine geistige Behinderung ebenfalls wahrscheinlicher.

Ihre intellektuellen und adaptiven Beschränkungen machen es Betroffenen zum Teil unmöglich, im herkömmlichen Sinne am Gemeinschaftsleben teilzunehmen. Es betrifft alle ihre Umgebungen: vom Zuhause über Schule und Arbeitsplatz bis zum Bereich der Freizeit.

Die Rolle des IQs

Ein IQ-Test allein reicht nicht aus, um eine geistige Behinderung zu diagnostizieren. Zusätzlich zur quantitativen Definition der Intelligenz mittels IQ-Test ist es notwendig, eine tiefere Einschätzung der geistigen Funktion der Person vorzunehmen, denn der IQ stellt lediglich die Intelligenz einer Person im Vergleich zur gleichaltrigen Durchschnittsbevölkerung dar, sagt aber nichts zu Ursache und Prognose.

Ein IQ von weniger als 70 wird als Hinweis auf eine geistige Behinderung betrachtet. Übrigens wird das andere Extrem, die Hochbegabung, diagnostiziert, wenn der IQ über 130 liegt. Der IQ klassifiziert auch den Grad der intellektuellen Behinderung.

Arten von geistigen Behinderungen

Für die Klassifizierung greifen wir auf die von der WHO festgelegten Schwellenwerte zurück. Danach gibt es fünf verschiedene Arten geistiger Behinderung. Dazu gehören die leichte, die mittelgradige, die schwere und die schwerste geistige Behinderung.

Leichte geistige Behinderung (IQ zwischen 50 und 69)

85 % der Menschen mit geistiger Behinderung haben eine leichte geistige Behinderung.

  • Konzeptioneller Bereich: leichte Beeinflussung von abstraktem Denken, funktionellen Fähigkeiten, kognitiver Flexibilität und Kurzzeitgedächtnis.
  • Sozialer Bereich: unausgereifte soziale Interaktionen, die ein Risiko für Manipulation beherbergen.
  • Praktischer Bereich: Patient benötigt Aufsicht, Anleitung und Hilfestellung bei der Erledigung von alltäglichen Aufgaben. Diese Hilfe ist besonders in stressigen Situationen wichtig.
  • Es scheint oft eine Ähnlichkeit zum Verhalten von Kindern zu geben.

Mittelgradige geistige Behinderung (IQ zwischen 35 und 49)

10 % der Menschen mit geistiger Behinderung haben eine mittelgradige geistige Behinderung.

  • Konzeptioneller Bereich: wesentliche Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten macht umfassende Unterstützung in allen Lebenslagen erforderlich.
  • Sozialer Bereich: Wenn Betroffene verbal kommunizieren, ist ihre Sprache weniger vielfältig und komplex als die von Menschen ohne Behinderung. Das bedeutet auch, dass sie bestimmte soziale Feinheiten nicht interpretieren können.
  • Praktischer Bereich: kontinuierliche Hilfe bei täglichen Aktivitäten notwendig. Manchmal ist es sogar nötig, dass andere Leute einen Teil ihrer Verantwortung übernehmen. Mit einer moderaten Betreuung können sich Betroffene Fähigkeiten aneignen, die sich auf ihre eigene Pflege beziehen. Sie können ungelernte oder angelernte Tätigkeiten ausführen, jedoch immer unter Aufsicht.
  • Bekanntestes Beispiel für eine Erkrankung, die häufig zu einer mittelgradigen geistigen Behinderung führt, ist das Down-Syndrom.

Ein Pärchen mit geistiger Behinderung

Schwere geistige Behinderung (IQ zwischen 20 und 34)

3-4 % der Menschen mit einer geistigen Behinderung haben eine schwere geistige Behinderung.

  • Konzeptioneller Bereich: sehr begrenzt, vor allem in Bezug auf numerische Konzepte. Betroffene brauchen in vielen Bereichen ständige Unterstützung.
  • Sozialer Bereich: Ihre mündliche Sprache ist nur elementar, ihre Sätze sind grammatikalisch einfach und sie haben einen begrenzten Wortschatz. Sie kommunizieren sehr einfach und beschränken sich auf die Gegenwart.
  • Praktischer Bereich: ständige Überwachung bei allen alltäglichen Aufgaben nötig.

Schwerste geistige Behinderung (IQ liegt unter 20)

Obwohl sie eine Minderheit von 1–2 % darstellen, hängen die meisten Fälle der schwersten geistigen Behinderung mit einer identifizierten neurologischen Erkrankung zusammen.

  • Konzeptioneller Bereich: deutlich eingeschränkt. Betroffene denken nur an die physische Welt und niemals symbolisch.
  • Sozialer Bereich: prekäres Verständnis von verbaler und non-verbaler Kommunikation. Sie drücken sich sehr einfach und meist nonverbal aus.
  • Praktischer Bereich: Sie sind in allen Bereichen völlig abhängig. Mit Anleitung können sie bestimmte Fähigkeiten (z. B. auf etwas zeigen) erwerben. Assoziierte motorische und sensorische Schwierigkeiten verhindern oft den funktionellen Gebrauch von Gegenständen.

Wir brauchen öffentliche Unterstützung, um eine barrierefreie Umgebung für Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen. Andernfalls werden diese Beschränkungen ihrer Umgebung nur zu jenen Einschränkungen beitragen, die sie bereits haben.

In jedem Fall sollten wir nie vergessen, dass der Mensch immer vor der Behinderung kommt. Eine Person mit einer geistigen Behinderung hat Gefühle, Träume und etwas zur Gesellschaft beizutragen. So wie wir alle.