Emotionaler Analphabetismus: Wenn unserem Gehirn das Herz fehlt

7. Mai 2018 en Psychologie 26 Geteilt
Emotionaler Analphabetismus - Gehirn ohne Herz?

Emotionaler Analphabetismus? Das ist etwas, unter dem inzwischen viele Menschen leiden. Sie sind kompetent und haben etliche Abschlüsse und Titel. In Bezug auf ihre Emotionen verhalten sie sich jedoch wie ein dreijähriges Kind. Ob wir wollen oder nicht, dies ist ein Thema, dem wir mehr Zeit widmen sollten.

Die meisten von uns wissen, welche Faktoren ihre Gesundheit fördern. Es wird empfohlen, sich ausgewogen zu ernähren, dabei viel Obst und Gemüse zu essen. Man sollte sich regelmäßig bewegen und jede Nacht zwischen 7 und 9 Stunden schlafen. Auch Routineuntersuchungen beim Arzt werden uns empfohlen.

„Wenn du einer anderen Person einfühlend begegnest, gibst du dieser Person psychologische Luft.“

Stephen R. Covey

Es gibt eine Struktur, die wir dabei auf alarmierende Weise vernachlässigen: unser Gehirn. Dabei beziehen wir uns nicht auf diese Menge von Nervenzellen, Strukturen und Windungen. Es ist notwendig, die Aufmerksamkeit auf die Merkmale unserer emotionalen Gesundheit zu richten. Das bedeutet, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, das Leben und unsere Beziehungen zu fühlen. Nur so sind wir in der Lage, unseren eigenen Gemütszustand zu verstehen, zu kontrollieren und auch zu verändern.

Der Mensch besteht aus viel mehr als einer Reihe linguistischer, mathematischer oder technischer Kompetenzen. Wir sind vor allem soziale und emotionale Wesen. Aspekte, die oft vernachlässigt und in Bildungseinrichtungen sogar unterschätzt werden. Lasst uns ehrlich sein. Wir können vielleicht eine Gleichung zweiten Grades lösen, aber wenn wir nicht fähig sind, effektiv zu kommunizieren und uns in unsere Mitmenschen einzufühlen, wird uns das einschränken.

Kopfprofile mit Buchstaben

Was ist emotionaler Analphabetismus?

Wir wissen, dass der Begriff „Analphabetismus“ durch einen Mangel definiert ist. Aber anders können wir uns auf diese psychosoziale Realität nicht beziehen. Nennen wir hierzu ein Beispiel. Aktuell wird viel über die Eigenschaften von Führungspersonen gesprochen. Über fähige Personen, die in der Lage sein sollen, einem Unternehmen neuen Schwung zu verleihen, ihre Emotionen und ihre Motivation optimal zu steuern. Gleichzeitig sollen sie die Gabe haben, andere zu beeinflussen, und auf diese Weise ein Ambiente schaffen, in dem ihre Angestellten ihre Fähigkeiten bestens nutzen können. Manchmal werden aber Ideen verkauft, die in Wahrheit nur durch ihre Abwesenheit glänzen. So ist es durchaus üblich, auf unfähige Führungspersonen zu treffen. Sei es, dass sie es nicht schaffen, andere zu inspirieren oder aber nicht in der Lage sind, ihre Gefühle, ihre Frustration oder Wut zu bewältigen. Sie verhalten sich wie wütende Kinder, die nicht bekommen, was sie wollen. So hat es bereits Piaget formuliert. 

Schauen wir uns an, wodurch sich der emotionale Analphabetismus definiert:

  • Unfähigkeit, die eigenen Gefühle zu verstehen und zu steuern
  • Schwierigkeiten, andere zu verstehen
  • Betroffene Personen reagieren empfindlich auf jegliches Problem, fühlen sich erschöpft und im Angesicht von Schwierigkeiten konstant überfordert
  • Mangelnde Anpassungsfähigkeit, es fehlt ihnen einfach an Sensibilität und Durchsetzungsvermögen. Vor allem aber auch an der Fähigkeit, bedeutende Verbindungen zu schaffen, die nicht nur ihre persönlichen Interessen verfolgen
  • Unterdrückung, Rassismus und Sexismus und der unbedingte Wille, stets im Recht zu sein

Wütende Eule

Es gibt eine weitere Tatsache, die nicht weniger beachtenswert ist. Emotionaler Analphabetismus bedeutet das Fehlen von psychologischen Mitteln und emotionalen Regelmechanismen. Normalerweise steuern und bewältigen wir mit ihnen Gefühle wie Trauer, Wut, Angst oder Enttäuschung. Ihr Fehlen macht uns deutlich empfänglicher für eine Reihe geistiger Erkrankungen. Daher sind Depressionen oder chronische Angstzustände sehr häufig bei Personen, die ihren inneren Gemütszustand wenig bis gar nicht bewältigen können.

Wie wichtig es ist, emotionale Intelligenz zu lehren

Wir müssen emotionale Intelligenz lehren. Diesen Slogan haben wir vielleicht schon einmal gelesen. Wir sollten bestimmte Fähigkeiten trainieren, um in Bezug auf unsere Gefühle besser gewappnet zu sein. Auch für die, die bereits Bücher gelesen und Kurse besucht haben, gilt: Jedes Mal sind wir zu dem Entschluss gekommen, diese Fähigkeit weiter ausbauen zu müssen, denn es bestehen noch immer große Lücken.

Die emotionale Intelligenz wurde bisher in nur wenige Lehrpläne aufgenommen. Darauf können wir uns nicht ausruhen, dürfen etwas noch viel Wichtigeres nicht übersehen: Bevor die Lehrer Kinder in der Bewältigung ihrer Gedanken und Gefühle unterrichten können, müssen sie diese zunächst selbst erlernen.

„Dein Intellekt mag dich verwirren, aber deine Gefühlen werden dich niemals belügen.“

Roger Ebert

Wir werden in einer Welt der Unsicherheiten erwachsen. Wir wachen jeden Tag in dem Bewusstsein auf, dass uns die Werkzeuge zur Bewältigung unserer Gefühle fehlen. Aber wir uns unseres emotionalen Analphabetismus wirklich bewusst werden, sonst wird es uns schwerfallen, den nachfolgenden Generationen Empathie, Durchsetzungsvermögen und soziale Fertigkeiten zu lehren.

Im Wald spielende Kinder

Eine „emotionale Alphabetisierung“ bringt große Vorteile. Wir könnten lernen, dass jede Emotion ihren Raum und ihren ganz eigenen Nutzen hat, könnten erkennen, dass die Unterscheidung zwischen „negativen“ und „positiven“ Emotionen nicht immer möglich ist. Zwar gibt es Zustände, die wir stets versuchen, zu vermeiden – Gefühle wie Traurigkeit oder Enttäuschung -, aber auch sie sind nützlich und wertvoll. Man sollte daher nicht vor seinen Emotionen fliehen, sondern sich ihnen stellen. Nur so werden wir erfahren, was sie uns sagen wollen.

Die emotionale Alphabetisierung ist ein sensationeller Weg der Selbsterkenntnis, der uns die Kraft gibt, uns selbst zu reflektieren. Vernachlässigen wir daher nicht die Notwendigkeit, emotional auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Lasst uns jene inneren Welten betrachten, in denen wir diese Gefühle erkennen, ausdrücken, steuern und verändern können. So schaffen wir es, dass sie für statt gegen uns arbeiten.

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