Der Flynn-Effekt – oder warum wir klüger werden

12. April 2019

Der Flynn-Effekt beschreibt das Phänomen, dass wir immer klüger werden. Tatsächlich scheint es so, als ob wir von Generation zu Generation intelligenter würden und unser abstraktes Denken verbessern. Ein höherer IQ-Wert geht jedoch nicht immer mit höherer persönlicher Zufriedenheit oder Glück einher. Es ist zwar so, dass wir bestimmte Probleme von Mal zu Mal besser lösen können, aber ob unsere emotionale Intelligenz auch steigt, darüber gibt es bis dato noch keine Studie.

Über den Flynn-Effekt wurde viel geschrieben. Der Politologe James R. Flynn von der University of Otago, Neuseeland, war der Erste, der über diesen Trend berichtete: Der IQ der Bevölkerung steige konstant an, postulierte er. Dieser Anstieg sei seit dem frühen 20. Jahrhundert dokumentiert.

„Glück intelligenter Menschen ist eine wirklich seltene Angelegenheit.“

Ernest Hemingway

Darüber hinaus weisen andere Wissenschaftler und Experten für Intelligenz, wie Joe Rodgers von der University of Oklahoma (Oklahoma, USA), auf einen weiteren interessanten Aspekt hin: Die Zunahme der IQ-Werte erfolge stet, Jahr für Jahr. Rodgers zog seine Schlussfolgerungen, nachdem er die in den letzten 30 Jahren die Ergebnisse verschiedener Intelligenztest, wie zum Beispiel des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests für Kinder, ausgewertet hatte.

Der Flynn-Effekt hat die Gemüter erregt und er stimmt auch uns nachdenklich. Bedeutet er, dass unsere Enkelkinder im Vergleich zu uns Genies sein werden?

Technologischer Fortschritt hat die Menschheit schlauer gemacht.

Der Flynn-Effekt und technologischer Fortschritt

Der Flynn-Effekt besagt, dass ein Kind heute in einem Intelligenztest im Schnitt 10 Punkte mehr als seine Eltern erreichen würde. Eine weitere Tatsache, die bei Intelligenztests beobachtet wurde, ist die erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit und die Fähigkeit heutiger Generationen, leichter Beziehungen zwischen Objekten herzustellen. Wenn wir über diese Erkenntnisse nachdenken, dann scheint es nur logisch, dass in Zukunft alle Menschen klüger und raffinierter sein werden.

Experten für menschliche Intelligenz betonen hinsichtlich des Flynn-Effekts aber auch, dass das bessere Abschneiden bei einem IQ-Test nicht bedeute, dass unser Potenzial auf dieselbe Weise steige. Seit der industriellen Revolution hat sich die menschliche Intelligenz auf bemerkenswerte Weise verbessert. Aspekte wie Bildung, gesicherte Ernährung und technologischer Fortschritt sind als Anreize zu verstehen, als Grundlage dafür, dass wir heute bessere Werte bei IQ-Tests erzielen als unsere Vorfahren.

Der Flynn-Effekt bezieht sich direkt auf Gesellschaft und Technologie

Mit anderen Worten, die Intelligenz entwickelt sich mit der Gesellschaft. Das geschieht, weil wir Menschen uns anpassen. Wir müssen in Einklang mit einer Welt bleiben, in der Informationen immer schneller fließen. Für uns ist es wichtig, am technologischen Fortschritt, an jeder Veränderung und jeder Innovation teilzuhaben.

Kind mit Zahnrädern im Kopf

Im Laufe der Zeit haben wir unser Fähigkeit, abstrakt zu denken als auch unser Reaktionsvermögen verbessert. Neurologen gehen davon aus, dass dies auch auf die neuen Technologien zurückzuführen ist. Interaktive Bildschirme, Spiele und virtuelle Realitäten, die schnelle Reaktionen erfordern, verändern die Art und Weise, in der das menschliche Gehirn Informationen verarbeitet.

Wir werden nicht nur klüger, sondern auch glücklicher?

Anstatt von Glück zu sprechen, sollten wir lieber von persönlicher Zufriedenheit reden. Wir wissen jetzt, dass der Mensch von Jahr zu Jahr verbesserte Fähigkeiten zur Problemlösung zeigt. Wir sind innovativ und fördern den Fortschritt unserer Gesellschaft. Bedeutet das aber auch, dass wir ein höheres Maß an Zufriedenheit und persönlichem Wohlbefinden erleben?

Jean Twenge, Professor für Psychologie an der San Diego State University (Kalifornien, USA), veröffentlichte diesbezüglich einen Artikel, der zum Nachdenken anregt. Die neue Generation, die von manchen Autoren bereits als iGen bezeichnet wird, bestehe vor allem aus unglücklichen Jugendlichen. Experten beschreiben sie als hypervernetzte Jungen und Mädchen, die unzufrieden und unreif seien.

Dieses komplexe Szenario wird aus technologischer Abhängigkeit erschaffen. Denn die Technologie entwickelt sich ständig weiter und wird immer umfassender und weitreichender. Dadurch hat sich verändert, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. Der Flynn-Effekt geht zwar davon aus, dass wir heute klüger seien als früher. Aber wir müssen auch lernen, in einer zunehmend komplexeren Umwelt zu navigieren.

Besorgtes Mädchen mit Handy

Der Flynn-Effekt und die Theorie des Transhumanismus

Es sei noch kurz die Theorie des Transhumanismus erwähnt. Laut David Pearce und Nick Bostrom, beide Professoren der University of Oxford (England, Vereinigtes Königreich), sehe die Zukunft der Menschheit sehr rosig aus. Ihrer Meinung nach werde die Menschheit im nächsten Jahrhundert einen Entwicklungssprung vollziehen. Wir werden nicht nur klüger sein, sondern unsere Gesellschaft werde sich auf Glück ausrichten. Aber warum sollte das so sein? Unter anderem, weil die Fortschritte in der Gentechnologie und Pharmakologie uns helfen werden, Krankheiten zu besiegen, gegen die wir heute noch nichts ausrichten können.

So können wir also der Zukunft freudig entgegen sehen. Oder wir werden melancholisch, weil jeder Fortschritt auch Nachteile mit sich bringt. Es gibt tatsächlich nur eines zu tun: Konzentrieren wir uns auf die Gegenwart. Wir müssen unseren Verstand und unsere Intelligenz auf das persönliche Wohlbefinden und die Intelligenz ausrichten, jetzt und hier. Schließlich sind ein paar zusätzliche IQ-Punkte nutzlos, wenn wir keine bessere Welt für alle Menschen schaffen können.