Das Dorian-Gray-Syndrom

· 18. August 2018

Das Dorian-Gray-Syndrom umfasst eine Reihe von Symptomen, die typisch für den aktuellen Zeitgeist sind. Dahinter verbirgt sich die psychische Unfähigkeit, zu altern, sowie eine extreme Angst davor, dass sich der Körper im Laufe der Jahre verändert. Diese Unfähigkeit gilt als pathologisch, sobald sie sich negativ auf das Verhalten und Wohlbefinden auswirkt.

Der Name dieses Syndroms geht auf den berühmten Roman Das Bildnis des Dorian Gray  von Oscar Wilde zurück. In diesem Roman wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dessen Ziel die ewige Jugend ist. Die Umstände spielen so zusammen, dass er ein Porträt besitzt, das statt seiner selbst unter dem Alterungsprozess leidet.

„Die Falten unserer Seele machen uns älter als die in unserem Gesicht.“

Michel Eyquem de Montaigne

In der heutigen Zeit haben Eitelkeit und das körperliche Erscheinungsbild einen unvergleichlich hohen Stellenwert erlangt. Dadurch ist das Dorian-Gray-Syndrom entstanden, das ein Ausdruck dieses Körperkultes ist, der das jetzige Zeitalter so sehr prägt. Daraus hat sich ein Problem entwickelt, das schon krankhaft ist.

Was versteht man unter dem Dorian-Gray-Syndrom?

Das Dorian-Gray-Syndrom wurde erstmals im Jahr 2000 vom Psychiater Burkhard Brosig beschrieben, der einen Text mit dem Titel Das Dorian Gray-Syndrom – Haarwuchsmittel und andere „Jungbrunnen“  verfasste. Ihm fiel die Anzahl der Patienten auf, die beinahe panisch seine Praxis aufsuchten, weil sie eine enorme Angst vor dem Altern hatten.

Mann sitzt in einem Wald auf dem Boden und blickt in einen Spiegel

Am schlimmsten ist, dass Menschen mit dem Dorian-Gray-Syndrom manchmal gefährliche Praktiken anwenden, um das Altern zu verhindern: chirurgische Eingriffe, Unmengen an Botox und ähnliche Interventionen. Es ist bekannt, dass die Gesundheit darunter leidet, wenn man die Kontrolle über solche Vorgehensweisen verliert.

Wichtig ist, zu beachten, dass Menschen, die Opfer des Dorian-Gray-Syndroms sind, nicht nur jugendlich aussehen wollen, sondern sich auch weigern, ihren emotionalen Reifeprozess abzuschließen. Sie wollen das Leben so betrachten, als wären sie 18 Jahre alt. Deswegen verhalten sie sich immer noch wie Teenager.

Verhaltensweisen von Betroffenen

Noch gibt es keine offiziellen Kriterien, um das Dorian-Gray-Syndrom zu diagnostizieren. Brosig ist es allerdings gelungen, einige Verhaltensweisen ausfindig zu machen, die bei dieser Störung häufig an den Tag gelegt werden.

Mann sitzt zwischen zwei Spiegeln im Wald

Das sind die am häufigsten anzutreffenden Verhaltensmuster bei Menschen, die unter diesem Syndrom leiden:

  • Angst vor körperlichen Veränderungen. Der Fachbegriff hierfür ist Dysmorphophobie
  • Der physische und emotionale Reifeprozess wird unter keinen Umständen akzeptiert
  • Es werden zu viele Eingriffe vorgenommen, um das Aussehen zu verändern
  • Es werden Medikamente eingenommen, die den Alterungsprozess verzögern oder Funktionen des Körpers verbessern sollen
  • Angststörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Selbstzerstörerische Verhaltensweisen

Das Leben dieser Menschen wird beinahe vollkommen von Hoffnung und Frust beherrscht. Sie stellen sich vor, dass eine neue Behandlung oder ein neuer Eingriff ihnen ihre Jugend zurückgeben würde. Wenn sie feststellen, dass es keine Behandlungsmethode gibt, die ihre Vorstellung Realität werden lassen könnte, sind sie frustriert, sehen das aber als ein Problem der Intervention und nicht ihrer Wahrnehmung an.

Eine kurze Analyse des Syndroms

Normalerweise verbirgt sich hinter einer Person, die das Dorian-Gray-Syndrom hat, ein verängstigter Mensch. Die größte Angst der Betroffenen ist es, zurückgewiesen zu werden, weil sie nicht den Schönheitsvorstellungen ihres Umfelds entsprechen. Sie sind davon überzeugt, dass das Aussehen ihres Körpers oder Gesichts entscheidend für ihr Leben sei. Leider stimmt das teilweise auch. In vielen Unternehmen hat diese Oberflächlichkeit dazu geführt, dass die berufliche Akzeptanz oder Beförderungen auch von diesen Variablen abhängen.

Mann mit zwei Gesichtern

Ein solches Umfeld kann zu jeder Art von ungesunden Verhaltensmustern führen, aber das Individuum hat die Möglichkeit, auf unterschiedliche Weise auf diese Abwertungsversuche zu reagieren. Manche lassen einfach nicht zu, dass man sie vergegenständlicht. Andere hingegen, wie Menschen mit dem Dorian-Gray-Syndrom, beugen sich passiv diesen „Normen“. Aber warum? Weil sie das Gegenteil eines Narzissten sind. Sie unterschätzen ihren Wert und geben zu viel auf soziale Anforderungen.

Im Grunde genommen empfinden sie eine Ablehnung sich selbst gegenüber. Sie können weder akzeptieren, wer sie sind, noch wie sie sind. Sie erkennen nicht, welche Macht sie über sich selbst haben, genauso wenig wie die Autonomie, die jeder Mensch hat. Sie bestärken sich selbst, indem sie sich dazu zwingen, das zu sein, was andere wollen. Daher ist ihre Angst ihr ständiger Begleiter. Hierbei handelt es sich um eine komplexe Situation, die eine Psychotherapie erfordert, um sie zu überwinden.