Bist du sapiosexuell?

28. April 2016 en Psychologie 18 Geteilt

Körpergröße, Gesundheit, gutes Aussehen, Humor, Geld, Macht… all das können Antworten auf die Frage sein: Warum fühlen wir uns zu einer bestimmten Person besonders hingezogen?

Wenn wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, fragen wir uns nicht allzu oft nach den Gründen dafür. Ebenso wenig laufen in uns innere Dialoge ab, die das Wie und Warum zu klären versuchen. Es passiert einfach und findet letztlich in unserem Verlangen danach, mit dieser Person zusammen zu sein und unseren Versuchen, dieses Verlangen zu erfüllen, seinen Ausdruck.

„Sich in jemanden zu verlieben bedeutet, von etwas entzückt zu sein. Und etwas ist nur dann in der Lage, uns zu entzücken, wenn es Perfektion ist oder zumindest als solche erscheint.“

José Ortega y Gasset

Die klassische Version

Die klassischen Gesetze der Anziehungskraft kennen zumindest aus Sicht der Sozialpsychologie vier grundlegende Prinzipien: Ähnlichkeit, Nähe, Gegenseitigkeit und eine gesteigerte Anziehungskraft unter Zuständen von Angst und Stress.

Andere Faktoren, die auf dem Weg von der Attraktivität hin zur Liebe eine Rolle spielen, sind gutes Aussehen, Ähnlichkeit und Gewohntes. Empirische Untersuchungen aus dem späten 20. Jahrhundert haben gezeigt, dass Schönheit die entscheidende Rolle dabei spielt, wie wir andere Menschen bewerten.

Dass man Dinge gemeinsam hat oder zum Beispiel den Glauben oder Normen und Werte miteinander teilt, macht ein weiteres Standbein aus. Byrne und Clore sagen, wenn wir das Gefühl haben, dass andere mit unseren Standpunkten und unseren Charakteristika übereinstimmen, wir uns auch stärker zu ihnen hingezogen fühlen. Wir sind dann nicht mehr allein. Es gibt andere, von denen wir Unterstützung erwarten können, weil sie so denken und so sind wie wir.

Und zu guter Letzt ist Vertrautheit ein weiteres wichtiges Element. Die Forscher Monge und Kirste haben gesagt, dass wir uns von den Menschen am meisten angezogen fühlen, bei denen wir auch das höchste Maß an Vertrautheit spüren.

Diese Sicht wird von der klinischen Psychologin Mila Cahue unterstützt, die die Komplexität dieser Abläufe auf folgende Art zusammenfasst: „Es gibt dabei eine starke mentale Komponente. Es gibt keine festgelegten Regeln, die Aufschluss darüber geben könnten, warum wir uns nach bestimmten Menschen sehnen. Es spielen vielmehr unterschiedliche Dinge wie zum Beispiel genetische Faktoren oder emotionale Lektionen eine Rolle.“

Die Intelligenz hinter der Attraktivität

Es ist möglich, dass neue Technologien die Gesetze der Anziehung verändern werden, wenn man sich vor Augen hält, dass sie neue Pfade und Kommunikationsformen eröffnen. Mehr als jemals zuvor sind wir nun in der Lage, mit Menschen in Verbindung zu treten, die sich gänzlich von uns unterscheiden – in ihrem Wohnort, ihrem Hintergrund, ihrer Kultur und ihrer Sichtweise.

Anderes weist wiederum darauf hin, dass diese neuen Technologien vielleicht doch keine so relevante Rolle spielen werden. Es gibt genügend Geschichten von Studenten, die sich in ihren Professor an der Uni verliebt haben, Praktikanten, die in der Arbeitswelt ihren Mentoren verfallen sind oder von Radiohörern, die hin und weg vom Radiomoderator sind. Solche alltäglichen Beispiele gab es schon lange bevor es überhaupt den Begriff sapiosexuell gab.

kluge Frau

Eine sapiosexuell orientierte Person ist jemand, für den der wichtigste Faktor in Bezug auf die Attraktivität eines Menschen die Intelligenz ist. Dies muss nicht unbedingt heißen, dass das körperliche Auftreten, die Emotionen, Ähnlichkeiten oder Wechselseitigkeit vollständig an Bedeutung verlieren. Doch über all das hinaus ist es die Qualität eines Gesprächs, die Komplexität des Wissens oder der Grad an Spezialisierung einer Person, die in erster Linie als Grund für das besondere Interesse an einer Person dienen.

Warum? Was macht bei diesen Menschen den Unterschied im Vergleich zu anderen? Psychologen, die sich mit der Persönlichkeit auseinandersetzen, haben herausgefunden, dass solche Menschen ein hohes Maß an „Offenheit für Erfahrungen“ in sich haben.

Dies wiederum korrespondiert mit Menschen, die wissbegierig sind, eine starke Vorstellungskraft haben und einen offenen Geist. Meistens finden sie Gefallen an Kunst und mögen es, über innovative Ideen nachdenken zu können.

Diese neue Form der Sexualität erscheint einigen Menschen vielleicht auf den ersten Blick seltsam. Sie scheint nämlich der herkömmlichen biologischen und evolutionistischen Erklärung für Attraktivität, der wir lange Zeit Glauben geschenkt hatten, zu widersprechen. Diese klassisch soziobiologische Denkrichtung versteht Attraktivität als einen natürlichen, menschlichen Instinkt, sich fortzupflanzen. Das bedeutet nichts anderes als: Männer haben die Tendenz, sich Frauen auszusuchen, die mit Attributen von Maternität und Unreife ausgestattet sind (eine kleine Nase, große Brüste, breite Hüften, große Augen und ein großer Mund). Frauen hingegen sind auf der Suche nach Charakteristika, die auf Dominanz und Fürsorglichkeit gegenüber den eigenen Nachkommen schließen lassen (große Kieferknochen, Muskelstärke und die Tendenz, anderen zu helfen).

starker Mann

Woran erkennen wir aber nun einen sapiosexuell orientierten Menschen? Folgende Verhaltensweisen können uns darüber Aufschluss geben: die Suche nach einer Überraschung in einem guten Gespräch und eine Fokussierung auf Themen wie zum Beispiel Philosophie, Physik, Kunst oder Literatur. Diese intellektuellen Stimuli drücken sich auf gleiche Weise in sexuellen Lustgefühlen und Erregung aus, wie sie auch von den meisten Menschen empfunden werden.

Heterosexuell, homosexuell, metrosexuell, bisexuell, asexuell, sapiosexuell… es gibt eine ganze Bandbreite an Verhaltensweisen und Vorlieben in Bezug auf Attraktivität und Liebe. Wir, als Psychologen, müssen ständig neue Erfahrungen darüber sammeln, wie Menschen ihre Beziehungen gestalten und welche Faktoren diese Prozesse auf allgemeiner und individueller Ebene maßgeblich beeinflussen.

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