Weißt du, was der Weißkitteleffekt ist?

· 20. September 2018

Vom Weißkitteleffekt oder Weißkittel-Hypertonie spricht man, wenn der Blutdruck einer Person in einer klinischen Umgebung plötzlich ansteigt, also in einer Arztpraxis, Tagesklinik oder im Krankenhaus. Wenn der Blutdruck jedoch außerhalb einer Klinik gemessen wird, liegt er im Referenzbereich.

Obwohl der Weißkitteleffekt seit vielen Jahren bekannt ist, sind einige Aspekte noch immer unklar. Aber sehen wir uns zuerst einige wichtige Konzepte an, durch die wir das Phänomen der Weißkittel-Hypertonie besser verstehen können.

Was ist der Blutdruck?

„Blutdruck“ bezeichnet die Kraft, die das Blut auf die Gefäßwände ausübt. Dieser Druck ist unabdinglich, weil das Blut durch die Gefäße kreist und dabei Sauerstoff und Nährstoffe an die Gewebe und Organe abgibt. Der Körper kann nur dadurch funktionieren.

Wir kennen zwei verschiedene Werte, die den Blutdruck beschreiben:

  • Systolischer Blutdruck: der höchste Blutdruck während der Systole (wenn das Herz aktiv pumpt). Er bezieht sich auf den Druck, der auf die Gefäße ausgeübt wird, wenn das Blut vom Herz weggepumpt wird.
  • Diastolischer Blutdruck: der niedrigste Blutdruck während der Diastole (wenn sich das Herz passiv mit Blut füllt). Er hängt hauptsächlich vom Widerstand der peripheren Gefäße ab.
Ein Arzt misst den Blutdruck einer Frau.

Die folgenden Anomalien sind möglich, was den Blutdruck betrifft:

  • Hypertonie: erhöhter Blutdruck, entweder systolisch oder diastolisch. Die Hypertonie ist zusammen mit einem hohen Cholesterinspiegel eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Probleme.
  • Hypotonie: ein zu niedriger Blutdruck. Die Person ermüdet leichter und leidet wahrscheinlich unter Schwindel.

Der Weißkitteleffekt

Wie bereits gesagt, tritt der Weißkitteleffekt bei manchen Leuten auf, wenn sie sich in ein Krankenhaus oder eine andere medizinisch geprägte Umgebung begeben, wie zum Beispiel in eine Arztpraxis. Die Weißkittel-Hypertonie wiederum ist die Reaktion auf imaginäre Gefahr, die vom Arzt ausgeht. Diese Reaktion ist eine komplexe und automatische Antwort auf einen emotionalen Reiz, der sich bedrohlich anfühlt. Die Reaktion äußert sich durch einen erhöhten Blutdruck und beschleunigten Herzschlag, wenn der Arzt beginnt, den Patienten zu untersuchen. Sie wird durch die Anwesenheit des Arztes ausgelöst.

Interessanterweise tritt der Effekt nicht auf, wenn die messende Person ein Freund, Familienmitglied oder der Patient selbst ist. Auch Krankenpfleger können den Effekt auslösen, aber das ist seltener.

Eine besorgte Frau bei ihrer Ärztin

Nach welchen Kriterien wird die Weißkittel-Hypertonie diagnostiziert?

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie schlägt die folgenden diagnostischen Kriterien für die Weißkittel-Hypertonie vor:

  • Blutdruckwerte über 140/90 mmHg während drei verschiedener Besuche in der Arztpraxis
  • Mindestens zwei Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg, die außerhalb der Klinik gemessen wurden
  • Kein offensichtlicher Schaden an bestimmten Organen.
  • Ein durchschnittlicher ABPM unter 135/85 mmHg. ABPM steht für Ambulatory Blood Pressure Monitoring und ist ein Parameter aus der ambulanten Blutdrucküberwachung.

Welche Eigenschaften haben Menschen mit Weißkittel-Hypertonie?

Patienten, die zur Weißkittel-Hypertonie neigen, weisen oft die folgenden Eigenschaften auf:

  • Blutdruckwerte zwischen 140/90 mmHg und 159/99 mmHg in der Arztpraxis
  • Weiblich
  • Nichtraucher
  • Kürzlich diagnostizierte Hypertonie
  • Keine linksseitige Herzwandverdickung. Diese würde bedeuten, dass das Herz dauerhaft erhöhtem Druck entgegenarbeiten muss. Sie ist eine Folge von permanentem Bluthochdruck.

Eine Frau bedeckt ihre Augen mit der Hand

Welche Ursachen hat dei Weißkittel-Hypertonie beziehungsweise der Weißkitteleffekt?

Bis dato konnte noch niemand die genauen Mechanismen identifizieren, die zu diesem Phänomen führen. Es ist aber bekannt, dass unser Herz schneller schlägt und unser Blutdruck steigt, wenn wir etwas als Bedrohung wahrnehmen und Stress empfinden. Für Menschen mit Weißkittel-Hypertonie ist die bedrohliche Situation oder der stressauslösende Reiz die medizinische Umgebung.

Betroffene machen dieselben körperlichen Veränderungen durch, die sie während einer Gefahrensituation erleben. In dem Fall sind es weder Veränderungen der Arterien noch andere greifbare Ursachen, die den Bluthochdruck verursachen, sondern der Stress an sich.

Also ist dieser Effekt das Ergebnis einer konditionierten Reaktion auf eine klinische oder ärztliche Umgebung und nicht der „Weißkittel“ selbst. Unter einer konditionierten Reaktion verstehen wir eine reflexive, erlernte Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Es heißt „konditioniert“, weil die Reaktion auftritt, nachdem die Person auf etwas konditioniert wurde, also gelernt hat, einen bestimmten Reiz (das medizinische Umfeld) mit etwas anderem (einer Gefahr) in Verbindung zu bringen.

Ein berühmtes Beispiel für eine konditionierte Reaktion ist der Pawlowsche Hund. Dieser Hund lernte, Speichel zu produzieren, wenn er einen unnatürlichen Reiz hörte, der normalerweise nichts mit der Futteraufnahme zu tun hatte: den Klang einer Glocke. Der Hund reagierte so, weil er gelernt hatte, dass es bei Glockenklang Futter gab.

Hund bettelt um Futter

Auch unser Körper zeigt konditionierte Reaktionen auf einen entsprechenden Reiz. In Bezug auf unser Thema ist der konditionierte Reiz die ärztliche oder klinische Umgebung und nicht der weiße Kittel. Die Reaktion geht mit einer erhöhte Aktivität im sympathischen Nervensystem einher, sowie einer Reduktion des Tonus im parasympathischen Nervensystem. Das sympathische Nervensystem führt zu Nervosität, Unruhe, Stress, usw. Das parasympathische Nervensystem ist für das Gegenteil zuständig: Es ist für Entspannung und Ruhe verantwortlich.

Weißkitteleffekt versus Weißkittel-Hypertonie

Die Begriffe „Weißkitteleffekt“ und „Weißkittel-Hypertonie“ bezeichnen streng genommen nicht ganz dasselbe. Der Weißkitteleffekt bezeichnet eine vorübergehende Erhöhung des Blutdrucks, die als Reaktion auf eine subjektiv empfundene Gefahr auftritt. Die klinische Umgebung ist hauptsächlich dafür verantwortlich.

Mit Weißkittel-Hypertonie beschreiben wir die klinische Diagnose von Bluthochdruck in einer ärztlichen Umgebung, obwohl der Patient in seinem täglichen Umfeld einen normalen Blutdruck hat. Der Weißkitteleffekt hat hingegen nichts mit dem normalen Blutdruck der Person zu tun und kann bei Personen mit oder ohne Bluthochdruck auftreten.

Wie wir gesehen haben, wird die Weißkittel-Hypertonie hauptsächlich von psychologischen Faktoren ausgelöst und gesteuert. Im Grunde erhöhen sich der Blutdruck und die Herzfrequenz, wenn Betroffene einem konditionierten Reiz in einer Klinik oder Arztpraxis ausgesetzt sind. Aus diesem Grund sollte auch die Behandlung eine psychologische sein.