Ross Rosenberg und das Human Magnet Syndrome

· 17. September 2018

Das Human Magnet Syndrome, das Syndrom des menschlichen Magneten, ist ein Konzept, das von dem Psychologen und Therapeuten Ross Rosenberg geprägt wurde. Das gleichnamige Buch ist ein echter Bestseller. Es ist ein Buch, in dem eine von Rosenberg entdeckte Tatsache dargestellt wird, nämlich dass wir uns auf gefährliche Weise zu Menschen hingezogen fühlen, durch die wir früher oder später leiden werden.

Laut dieser These sei das, was wir als „Chemie“ zwischen zwei Menschen bezeichnen, nichts anderes als der Ausdruck dieser dysfunktionalen Anziehungskraft, die manchmal eintreten würde. Diese Chemie bestehe aus zwei Impulsen: einem der Liebe und einem des Krieges. Mit anderen Worten, wir fühlen uns stark zu Menschen hingezogen, mit denen wir irgendwann große Konflikte haben werden.

Das würde erklären, warum wir Menschen häufig diejenigen, die große Tugenden haben und uns Stabilität und Zärtlichkeit bieten, nicht bemerken. In der Welt der Liebe ist es nichts Ungewöhnliches, dass gerade diejenigen, die weniger ausgeglichen sind, mehr Erfolg haben. Und das Human Magnet Syndrome erklärt uns den Grund dafür.

„Damit sich der ‚Tanz der Co-Abhängigkeit‘ entwickelt, braucht es zwei Personen: den Narzissten, der die Kontrolle übernimmt, und den Co-Abhängigen, der sich an den Tanzpartner anpasst.“

Ross Rosenberg

Das Human Magnet Syndrome in Aktion

Wenn zwei Opfer des Human Magnet Syndromes aufeinandertreffen, entsteht eine äußerst starke Anziehungskraft und das tiefe Gefühl, im anderen etwas Besonderes gefunden und mit ihm eine spezielle Beziehung zu haben. Es besteht auch das intensive Verlangen, diese Person zu liebkosen oder sie zumindest physisch zu berühren.

Die Betroffenen lassen sich von dieser starken Anziehungskraft mitreißen und beginnen eine Beziehung, die im Allgemeinen sehr intensiv ist. Jeder fühlt, dass der andere „die Liebe seines Lebens“ sei. Jemand, der ihn ergänze und glücklich mache.

Doch eher früher als später kommen Konflikte auf. Eifersucht, Meinungsverschiedenheiten, Besitzgier oder ähnliches. Dann wird auf einmal aus der gleichen Person, die uns einst ungemein glücklich gemacht hat, eine Quelle des Leids. Die beiden Beteiligten verletzen sich gegenseitig und die ganze Sache entwickelt sich zu einem wahren Krieg. Trotzdem ist es für beide sehr schwer, den anderen gehen zu lassen.

Hände berühren sich bei Sonnenaufgang

Narzissmus und Co-Abhängigkeit

Laut Rosenberg trete das Human Magnet Syndrome in seiner klassischen Form zwischen zwei Arten von Menschen auf: zwischen Co-Abhängigen und Narzissten. Er macht deutlich, dass jede Beziehung eine gewisse Co-Abhängigkeit erzeuge. Ein Problem entstehe, wenn dies die vorherrschende Note sei und sich für die Beteiligten zu einem echten Drama entwickele.

Die Co-Abhängigkeit führedazu, dass sich der eine Partner dem anderen völlig hingibt. Er versuche, ihm das Beste von sich zu geben, ohne jegliches Maß und Ziel. Der andere Partner, der Narzisst, begrüße diese bedingungslose Kapitulation. Im Gegenzug schenke er Zuneigung, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Bis zu diesem Punkt scheine alles harmonisch und perfekt zu laufen.

Paar ist an den Händen gefesselt

Doch bald schon würde der Narzisst mehr wollen. Selbst wenn der andere sich ganz aufgebe, werde sein Partner das Gefühl haben, dass etwas fehle. Nach und nach befriedige ihn das, was er empfange, nicht mehr und er fordere immer mehr.

Der Co-Abhängige hingegen habe das Gefühl, nicht genug wert zu sein, und dass der andere ihn nicht genug brauche. Dies erfülle ihn mit Unsicherheit und er versuche, immer mehr zu geben, auch wenn er sich schließlich über die Gleichgültigkeit des anderen beschwere.

Ein Leiden ohne Ende

Diejenigen, die im Human Magnet Syndrome gefangen sind, formen also Beziehungen, die mit der Zeit einen schmerzhaften und erstickenden Charakter annehmen. Die Anziehungskraft bleibt jedoch bestehen und wird manchmal sogar noch stärker, trotz der Schäden, die sie sich gegenseitig zufügen. Aus irgendeinem Grund will der Co-Abhängige auch weiterhin kontrolliert werden. Der Narzisst wiederum braucht seinen „Anbeter“ um alles in der Welt. Deshalb zögern sie beide, eine Beziehung zu beenden, die sie doch eigentlich verletzt.

Der zugrunde liegende Mechanismus ähnelt dem einer Sucht. Am Anfang ist das Gefühl sehr angenehm. Es herrscht intensive Euphorie. Manche nennen es „Glück“. Auch wenn dieses angenehme Gefühl mit der Zeit verschwindet und stattdessen großes Leid entsteht, wollen die Menschen diese anfängliche Glückseligkeit nicht loslassen. Auf die eine oder andere Weise suchen sie zwanghaft weiter nach ihr.

Paar steht inmitten eines Sees

Der Co-Abhängige und der Narzisst sind aus psychologischer Sicht völlig verschieden. Deshalb ergänzen sie sich auch gegenseitig. Sehr oft hört man sie sagen, dass der andere ihre „bessere Hälfte“ sei, was auf pathologische Weise auch so ist.

Das Human Magnet Syndrome erklärt also, warum wir diejenigen „lieben“, die uns Leid zufügen. Es zeigt auch, dass solche Fälle mehr mit individuellen Pathologien zu tun haben, die in der Beziehung verstärkt werden, als mit der großen und stürmischen, wahren Liebe.