Leidest du am Hyperempathie-Syndrom?

· 2. Januar 2019

Empathisch zu sein ist eine Eigenschaft, die unsere persönlichen Beziehungen bereichert. Dadurch können wir uns nicht nur – zumindest teilweise – in eine andere Person hineinversetzen, sondern auch ihre Gefühle wahrnehmen und verstehen. Immer extrem mitfühlend zu sein kann aber auch zur Folge haben, dass wir ein Hyperempathie-Syndrom entwickeln. Dieser Begriff wurde durch den Psychologen Charles Figley geprägt.

Laut einer sich mit diesem Thema beschäftigenden Studie könne Empathie gefährlich und äußerst erschöpfend sein, wenn wir nicht richtig mit ihr umgehen. Falls wir nicht dazu in der Lage sind, rechtzeitig gegen eine Erschöpfung aufgrund von übermäßiger Empathie anzugehen, können sekundäre Traumata oder Symptome eines Burnout-Syndroms auftreten.

Normalerweise sind Menschen vom Hyperempathie-Syndrom betroffen, die von Berufswegen aus mit Patienten oder Klienten zu tun haben, die leiden, denen es schlecht geht oder die große Schmerzen ertragen müssen. Die Rede ist hierbei unter anderem von Krankenschwestern und Pflegern, Sozialarbeitern und Ärzten. Empathisch zu sein ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Doch ohne die richtigen Werkzeuge, um angemessen mit der emotionalen Last umgehen zu können, wird die Empathie eines Tages zu ihrem größten Feind.

Frau, deren Gesicht zu splittern beginnt

Das emotionale Leid anderer

Obwohl vor allem jene Personengruppen vom Hyperempathie-Syndrom betroffen sind, die einer der oben erwähnten beruflichen Tätigkeit nachgehen, können auch wir selbst, ohne derartige Risikoberufe auszuüben, darunter leiden. Ein Grund dafür kann sein, dass wir äußerst empathisch sind und uns der emotionale Schmerz anderer Menschen sehr nahe geht.

Doch es ist eine Sache, den Schmerz unserer Mitmenschen zu verstehen, und eine andere, ihn zu fühlen. Letzteres widerfährt sehr mitfühlenden Menschen. Es ist gerade so, als würden sie den Schmerz anderer verinnerlichen. Wenn sie solch einem Leid dann lange Zeit, oder auf sehr intensive Weise ausgesetzt sind, kann das zum Hyperempathie-Syndrom führen. Die Rede ist von emotionaler Erschöpfung, oftmals gefolgt von dem Gefühl, sich isolieren zu wollen und verwirrt zu sein. Diese Menschen neigen außerdem dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken.

Wie wir bereits erwähnt haben, gibt es glücklicherweise bestimmte Werkzeuge, um gegen dieses Syndrom anzugehen und – noch besser – ihm vorzubeugen. Diese zu kennen ist ein wichtiger Aspekt, um zu vermeiden, uns die Gefühle anderer Menschen zu eigen zu machen, um eine gewisse psychische Distanz zu wahren, um unser eigenes Wohlergehen zu schützen und unseren Gemütszustand regulieren zu können.

„Irgendwie hallt in mir wider, was eine andere Person fühlt. Und wenn die Emotionen, denen eine Person ausgesetzt ist, von tiefem Leid geprägt sind, trifft es mich sehr stark.“

Bermejo

Mann langt sich erschöpft an den Kopf

Werkzeuge im Kampf gegen das Hyperempathie-Syndrom

Nachfolgend möchten wir uns ein paar dieser Werkzeuge ansehen, die wir in der Praxis anwenden können, wenn wir einen Beruf haben, bei dem wir zwangsläufig in Kontakt mit Menschen kommen, die Hilfe brauchen. Oder aber, falls wir äußerst empathisch sind und wir deshalb unter uns zusetzenden Gedanken, Energieverlust, einer wachsenden Angst, einer Somatisierung von Gefühlen oder Apathie leiden. Eine Studie der Fakultät für Psychologie der Universität der Republik Uruguay schlägt uns diesbezüglich Folgendes vor:

  • Sich mit Freunden treffen: Freunde erleichtern unsere emotionale Last sehr. Darüber hinaus können wir mit ihnen Meinungen austauschen, was in komplizierten Situationen oder Fällen von großer Hilfe sein kann.
  • Familiäre Unterstützung: Die Familie ist ein wichtiger Bestandteil in unserem Leben. Wir können mit Familienmitgliedern reden, uns durch Gespräche Erleichterung verschaffen und uns durch sie von Problemen am Arbeitsplatz oder auf persönlicher Ebene ablenken lassen.
  • Freizeitaktivitäten: Indem wir Sport machen oder einem Hobby wie Gartenarbeit oder Modellbau nachgehen, kümmern wir uns um uns selbst und schenken uns Zeit.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie ist nicht nur wichtig, um diese Art von Werkzeugen kennenzulernen, sondern auch, um während der Therapiesitzungen Übungen zu realisieren, die im Kampf gegen das Hyperempathie-Syndrom hilfreich sein können.

Die zuvor genannte Studie fügt als ergänzende Werkzeuge noch hinzu, wie wichtig es ist, auch mal für sich allein sein zu können sowie sich zu informieren und sich Techniken anzueignen, um mit diesem Syndrom umgehen zu können. All das bedeutet nicht, dass wir unsere Fähigkeit, empathisch zu sein, aufgeben sollten. Wir sollen nur bestimmte Strategien anwenden, um unser Wohlergehen zu sichern.

„Ich frage eine verletzte Person nicht, wie sie sich fühlt. Ich selbst werde zu dieser verletzten Person.“

Walt Whitman

Frau während einer Therapiesitzung

Das Hyperempathie-Syndrom kann uns schuldig fühlen lassen: Wir sind psychisch gesehen so erschöpft, dass wir glauben, wir hätten unsere Fähigkeit, empathisch zu sein, verloren. Das ist allerdings nur eine Folge daraus, mitfühlend zu sein, ohne dieses Mitgefühl regulieren und uns selbst ausreichend schützen zu können.

Wir hoffen, dass dir die in diesem Artikel vorgestellten Werkzeuge dabei helfen, nicht nur gegen das Hyperempathie-Syndrom anzugehen, sondern auch andere Probleme, mit denen du dich unter Umständen herumschlägst, zu bewältigen. Letztendlich sind diese Werkzeuge nichts weiter als Empfehlungen, die wir öfter in der Praxis anwenden sollten, um uns besser zu fühlen und ein größeres Wohlbefinden zu genießen.

Falls du der Meinung bist, dass du unter diesem Syndrom leidest, solltest du dir in jedem Fall professionelle Hilfe suchen. Ein Psychologe sollte dich auf deinem Weg begleiten, damit du für dich die passenden Werkzeuge finden kannst. So kannst du weiterhin ein empathischer Mensch sein, aber du wirst dann auf Strategien zurückgreifen können, um dein eigenes Wohlergehen zu gewährleisten.

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  • López, M. B., Filippetti, V. A., & Richaud, M. C. (2014). Empatía: Desde la percepción automática hasta los procesos controlados. Avances En Psicologia Latinoamericana32(1), 37–51. https://doi.org/10.12804/apl32.1.2014.03