Der Quetelet-Index oder warum der BMI (Body Mass Index) nicht mehr zeitgemäß ist

Der BMI ist veraltet und sagt wenig über die Gesundheit eines Menschen aus. Möchtest du wissen, warum?
Der Quetelet-Index oder warum der BMI (Body Mass Index) nicht mehr zeitgemäß ist

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2022

Der Quetelet-Index ist eine veraltete Benchmark; ein fehlerhaftes “Gesundheitsmaß”, das nie als solches gedacht war. Wenn wir unser Gewicht berechnen oder die Wirksamkeit einer Diät überwachen wollen, verwenden wir in der Regel den Body Mass Index (BMI). Dieser Index ist in Wirklichkeit nur eine von vielen Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu messen und zu klassifizieren (Anthropometrie), aber nicht unbedingt der effektivste.

Viele Gesundheitsexperten stellen heute den Nutzen dieses Indexes infrage, der nicht so universell ist und auf lange Sicht sogar mehr schaden als nutzen kann. Er basiert nicht nur auf einer nicht repräsentativen Stichprobe, sondern weist auch schwerwiegende methodische Mängel auf.

Verwenden wir seit über einem Jahrhundert eine fehlerhafte Maßzahl, um das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße zu berechnen? Welche Auswirkungen hat das auf unsere körperliche und geistige Gesundheit?

Der Quetelet-Index

Während der BMI heute zur Beurteilung des Gesundheitszustands und des Krankheitsrisikos der Bevölkerung verwendet wird, beabsichtigte der Entwickler nicht, damit die Gesundheit zu messen, geschweige denn, ihn auf einer individuellen Skala zu verwenden.

Als Adolph Quetelet (Astronom und Statistiker) 1832 den Quetelet-Index entwickelte, wollte er damit die Merkmale eines “normalen Menschen” definieren. Ihm ging es nicht darum, Gesundheit oder Fettleibigkeit zu messen; sein Index bezog sich auf Muster innerhalb einer Bevölkerung.

Die Daten, die Adolph Quetelet verwendete, stammten ausschließlich von einer männlichen, kaukasischen Bevölkerung. Es ist daher klar, dass es sich von Anfang an um einen Index mit fragwürdiger wissenschaftlicher Methodik handelte.

Trotz seiner Verzerrungen und Grenzen war die Formel erfolgreich und bildete die Grundlage für den BMI, den wir heute kennen. Andere Variablen, anderer Name, anderes Ziel, aber derselbe Ansatz.

Quetelet-Index
Quetelet beabsichtigte nie, seinen Index zur Messung des Gesundheitszustands einer Person zu verwenden.

BMI, eine veraltete Referenz

Anfang des 20. Jahrhunderts suchten amerikanische Versicherungsunternehmen in den Vereinigten Staaten nach einer einfachen und schnellen Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen. Anhand der wenigen Daten, die in den Versicherungsformularen erfasst wurden, stellten sie eine höhere Sterblichkeitsrate bei Männern fest, die “übergewichtig” waren.

Jahrzehntelang konnten sich die Ärzte nicht auf einen Index einigen, manche teilten das Gewicht durch die Größe, andere verwendeten andere Methoden. Im Jahr 1972 schließlich veröffentlichte ein Professor für Physiologie, der über Fettleibigkeit forschte, Ancel Keys, unter dem Titel “Indices of relative weight and obesity” (dt. Indizes für Relativgewicht und Adipositas) die Ergebnisse einer Studie, in der er mehr als 7.400 Männer in fünf verschiedenen Ländern untersucht hatte.

Keys ging alle verschiedenen Gleichungen durch und es war die Quetelet-Formel (Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße), die sich als die beste zur “Erkennung” von Übergewicht erwies. Keys nannte diese Formel schließlich “Body Mass Index”.

BMI, gut fürs Geschäft, schlecht für die Gesundheit

Zur gleichen Zeit entstand die populäre Kultur der Diäten zur Gewichtsabnahme und die Menschen suchten nach verschiedenen Formeln, um dieses Ziel zu erreichen. Die (Wieder-)Geburt des BMI und der “Slim-Fit-Kultur” hatte nicht die erwarteten Auswirkungen. Viele Menschen machten Diäten, die jedoch weder ihre Gewohnheiten noch ihre Gesundheit verbesserten.

Tatsächlich hat dieser Index in den letzten 50 Jahren zum Anstieg von Stoffwechselkrankheiten und zum Aufbau einer fettfeindlichen Gesellschaft beigetragen, die viele Essstörungen und die damit verbundenen Todesfälle hervorgebracht hat.

Der BMI ist aus mehreren Gründen weithin als problematisches Maß anerkannt:

  • Ein umstrittener Ursprung: Wie bereits erwähnt, wurde der BMI von einem Astronomen und einem Statistiker (und nicht von einem Gesundheitsforscher oder einem Mediziner) entwickelt, die Gruppen von Männern mit ganz bestimmten Hintergründen und nicht verschiedene Bevölkerungsgruppen und deren allgemeinen Gesundheitszustand untersuchten.
  • Gewicht oder BMI sind im Prinzip dasselbe: Der BMI steht in direktem Zusammenhang mit dem Gewicht. Da sich die Körpergröße bei einem Erwachsenen nicht ändert, verändert nur das Gewicht den BMI. Du kannst also genauso gut dein Gewicht verwenden, ohne den BMI berechnen zu müssen.
  • Ethnozentrismus: Der BMI basiert auf Größen- und Gewichtsdaten von überwiegend weißen Europäern der oberen Mittelschicht. Das bedeutet, dass er keine repräsentative Stichprobe der Allgemeinbevölkerung darstellt und die Unterschiede in der durchschnittlichen Körpergröße anderer ethnischer Gruppen nicht berücksichtigt.
  • Alter, Geschlecht und Körperzusammensetzung: Der BMI berücksichtigt weder die Muskelzusammensetzung noch das Körperfett. Eine muskulöse Person ist zwar körperlich kräftig, da ihre Muskeln für Volumen sorgen und mehr wiegen als Fett, aber ihr Risiko für Stoffwechselkomplikationen ist geringer. Der BMI ist als wenig aussagekräftig, was die Gesundheit anbelangt. Auch Alter und Geschlecht finden keine Berücksichtigung.
  • Fehlklassifizierung: Die Unterschiede zwischen den BMI-Klassifizierungen (Normalgewicht, Übergewicht, Fettleibigkeit usw.) sind willkürlich. Sie beruhen nicht auf wissenschaftlichen Daten, sondern wurden anhand einer ganzen Population definiert, um das “Normalgewicht” zu berechnen, das jedoch keine Aussagekraft hat.
  • Ein normaler BMI ist nicht mit Gesundheit gleichzusetzen: Dieser Index beurteilt den Gesundheitszustand und das Essverhalten aufgrund der Größe und des Gewichts einer Person, was wissenschaftlich nicht vertretbar ist.

Ein veralteter Maßstab, den wir nicht verwenden sollten

Menschen anhand des BMI als “übergewichtig” oder “fettleibig” zu bezeichnen, führt zu Diskriminierung, Scham und Schuldgefühlen. Dieser Maßstab motiviert Betroffene nicht, bessere Lebensentscheidungen zu treffen. Er hilft ihnen  auch nicht aus der Spirale des Übergewichts heraus, wenn ihr Problem über die bloße Ästhetik hinausgeht.

Wir sollten uns alle darüber bewusst sein, dass es nicht sinnvoll ist, Menschen auf der Grundlage begrenzter Daten oder populärer Überzeugungen zu beurteilen. Der BMI vermittelt ein falsches Bild von der Gesundheit.

Frau betrachtet sich im Spiegel und denkt an ihren BMI (Quetelet-Index)
Der BMI begünstigt Vorurteile und Diskriminierung.

Verwirrung um die Gesundheit der Menschen

Eine aktuelle, groß angelegte Studie ergab, dass fast die Hälfte der als “übergewichtig” und ein Drittel der als “fettleibig” eingestuften Menschen eigentlich stoffwechselgesund sind, d.h. sie haben völlig normale Blutdruck-, Cholesterin- und Blutzuckerwerte.

Im Gegensatz dazu wurde bei fast einem Drittel der Menschen in der Kategorie “Normalgewicht” festgestellt, dass sie Stoffwechselkrankheiten haben. Aus dieser Studie geht hervor, dass es keine Krankheit gibt, die nur Menschen mit hohem Gewicht betrifft. Menschen aller Formen und Größen sind von diesen Gesundheitsproblemen betroffen.

Da Fettleibigkeit multifaktoriell bedingt ist, muss sie neu definiert werden, vor allem, da wir wissen, dass Stigmatisierung und Ablehnung adipöse Menschen in einen Teufelskreis führen, der die Entwicklung von Adipositas vorantreibt, anstatt Lösungen zu finden.

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