Konstruktiver Schmerz: Die Art, die lehrt und verbindet

Konstruktiver Schmerz: Die Art, die lehrt und verbindet
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 14. Februar 2023

Es gibt zwei Arten von Schmerz. Die eine bringt dich dazu, dich nach innen zu verkriechen, löst Trauma aus und lässt deine Wunden offen. Konstruktiver Schmerz führt jedoch dazu, dass du von dem Schmerz lernst, er dich stärkt und dir die Fähigkeit gibt, besser mit anderen Menschen zu kommunizieren. Darüber hinaus macht er dich auch sensibler für das Leid anderer.

Dante sagte, dass die Person, die Schmerz kenne, allwissend sei. Doch heißt das, dass wir zum Leiden gezwungen sind, wenn wir das Leben wirklich verstehen wollen?

„Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Nichts und dem Schmerz, dann wähle ich den Schmerz.“

William Faulkner

Als erstes müssen wir daran denken, dass Schmerz in unserem Gehirn entsteht. Wenn wir unsere Umgebung und unseren Körper wahrnehmen, interpretiert unser Gehirn die aufgenommenen Reize und entschließt sich sofort, ein Gefühl des Schmerzes auszulösen oder nicht. Wir können uns das vorstellen wie einen Panikknopf, der gedrückt wird, wenn wir denken, dass jemand oder etwas unser körperliches oder emotionales Wohlbefinden bedrohe.

Aber jetzt kommt der interessante Teil: jeder Schmerz, den wir fühlen, ist sinnvoll. Es hat seinen guten Grund, warum er konstruktiver Schmerz heißt. Er ist ein Warnsignal, das wir nicht ignorieren sollten. Halten wir unsere Hand in ein Feuer, wird uns unser Gehirn ein intensives Schmerzsignal senden. Nehmen wir diese wieder heraus, werden in unserem Gehirn sofort eine Vielzahl an Mediatoren freigesetzt, die das Gefühl des Schmerzes lindern.

Es ist in der Tat so, dass auf emotionaler Ebene exakt das Gleiche passiert. Wenn wir ein Trauma erleben, wird unser Gehirn dieses fast wie eine echte Verbrennung wahrnehmen. Schmerz verlangt eine Reaktion. Zu handeln, um unsere Hand aus dem Feuer zu ziehen. Und die Lektion, die der Schmerz uns erteilt, ist eine, die wir niemals vergessen werden.

Arm, der Feuer gefangen hat, liebkost Gesicht einer Frau

Konstruktiver Schmerz und Glück

A ldous Huxley zeigte uns, dass wir eine wahrhaft dystopische Gesellschaft erschaffen können, wenn wir in einem endlosen Zustand des Genusses leben. Das können wir in seinem Roman Schöne neue Welt  nachlesen. Obwohl die Idee des endlosen Genusses verlockend klingt, sieht die Realität anders aus. Wir behaupten sogar, dass Menschen den Schmerz brauchen, um einen Kontrast zum Genuss zu erfahren.

Es gibt zum Beispiel nichts Gemütlicheres, als an einem kalten Wintertag nach Hause zu kommen und eine heiße Schokolade zu trinken. Und auch Athleten fühlen nach intensiver körperlicher Anstrengung Euphorie. Während dieser Anstrengung werden Endorphine und andere Botenstoffe freigesetzt, um den Schmerz der körperlichen Leistung zu lindern.

Wenn wir also sagen, dass Schmerz unsere Gefühle des Genusses und des Glücks verstärken könne, ist das kein Widerspruch. Zu dem Thema gibt es viele Studien, die erklären, wie uns das Leiden, wenn es kurzlebig ist und richtig verarbeitet wird, ein Gefühl der Freude geben und uns mit der Welt um uns herum in Verbindung treten lässt.

Mädchen, das zu einer Fee wird

Denken wir zum Beispiel an Zeiten, in denen wir stark waren. Zeiten, in denen wir keine andere Wahl hatten, als tapfer zu sein. Der Grund mag eine Krankheit, ein Verlust oder vielleicht die schlimmste Enttäuschung unseres Lebens gewesen sein. Das Überwinden dieser innerlichen, gelegentlich herzzerreißenden Probe hat unsere psychologischen Muskel gestärkt. Es ist unser inneren Stärke zu verdanken, dass wir uns jetzt freier und besser dafür gerüstet fühlst, unser eigenes Glück zu schaffen und zu genießen.

Konstruktiven Schmerz überwinden

Anfangs erklärten wir, wie  emotionales Leiden von unserem Gehirn als eine echte Verbrennung wahrgenommen wird. Das war tatsächlich keine Metapher, keine Erfindung. Es wurde in einer Studie bewiesen, die auf der Website der PNAS veröffentlicht wurde. Neurowissenschaftler erklären uns weiterhin, dass es nicht falsch sei, wenn jemand sage, dass Schmerz im Kopf entstehen. Das ist so, weil es eine sehr komplexe Struktur gibt, den vorderen cingulären Kortex, der nicht zwischen physischen und psychischen Schmerzen unterscheidet. Für diesen Bereich deines Gehirns sind beide dasselbe. Und deshalb kann emotionaler Schmerz so verheerende Auswirkungen haben.

„Wer sich wünscht, dass der Mensch keinen Schmerz empfinde, wünscht sich auch, dass dieser nicht in der Lage ist, Freude zu erleben. Er reduziert ihn darauf, nichts zu sein.“

Michel de Montaigne

Wenn sich doch aber das Leiden in unseren Köpfen befindet und von unseren Gehirnen beherrscht wird, können wir es dann nicht „ausschalten?“ Mit Schmerzmitteln? Nun ja, denken wir daran, dass weder Schmerzmittel noch Antidepressiva die Antwort sind. Diese dämpfen nur die Empfindungen im cingulären Kortex, lösen jedoch niemals das zugrundeliegende emotionale Problem.

Schmerz, vergessen wir das nicht, ist ein Schrei nach Zuwendung. Er ist wie ein Leuchtturm an der Küste, der uns vor einem Felsenriff warnt, damit wir nicht gegen es prallen. Wenn wir dazu entscheiden, uns als blinder Passagier im Laderaum zu verstecken, werden wir das Problem nicht lösen. Das Felsenriff wird da sein, auch wenn wir es nicht sehen wollen. Die einzige Möglichkeit ist deshalb, die Richtung zu ändern, die Segel zu hissen und das Ruder unseres Lebens zu ergreifen. Dann können wir nach ruhigerer See und günstigen Winden Ausschau halten.


Dieser Text dient nur zu Informationszwecken und ersetzt nicht die Beratung durch einen Fachmann. Bei Zweifeln konsultieren Sie Ihren Spezialisten.