Das Lieblingskind: Die Auswirkungen der Bevorzugung unter den Geschwistern

30. Dezember 2018

Das Lieblingskind ist wie eine Porzellanpuppe, die allzeit in die Kamera lächelt. Es ist der Favorit unter allen Geschwistern. Es ist wie eine Ergänzung für einen (oder beide) Elternteil, welcher sich ein perfektes Kind wünscht, das sein Leben vervollständigt. Doch dient das Kind dann zur Erfüllung der eigenen emotionalen Bedürfnisse, Fantasien oder unerfüllten Wünsche, nicht seiner eigenen. Obwohl es schwierig sein kann, innerhalb der Familie das Lieblingskind zu erkennen, ist eine bevorzugte Behandlung unter Geschwistern existent, ja weitverbreitet, und hat immer Konsequenzen.

In unserer Gesellschaft möchten wir glauben, dass Eltern mit vielen Kindern ihre Kinder gleichermaßen schätzen und lieben würden, ohne irgendwelche Präferenzen. Es gibt jedoch mehrere Studien, die zeigen, dass dies nicht immer der Fall ist. In zahlreichen Familien gibt es eine bevorzugte Behandlung eines der Kinder. Darüber hinaus gaben fast 70 % der Eltern zu, dass sie ein Kind irgendwann anders behandelten als die anderen.

„Mein Vater hat mir das größte Geschenk gemacht, das er überhaupt machen konnte: Er glaubte an mich.“

Jim Valvano

Es einmal zu tun, sei es aufgrund des Alters oder aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder, ist kein Verbrechen. Das Problem ist jedoch, wenn diese Bevorzugung Übermaß annimmt und zur Routine wird. Wenn Eltern einem ihrer Kinder eine Vorzugsbehandlung zuteilwerden lassen, indem sie es stets mit Aufmerksamkeit und Lob überschütten, dann stehen wir vor einem Phänomen, das als „das Lieblingskind“ bekannt ist.

Wenn ein Geschwisterkind zum Außenseiter wird

Lieblingskinder und narzisstische Familien

Das Lieblingskind ist nicht immer das älteste oder das jüngste. Experten für Kinderpsychologie und Familiendynamik wissen zudem, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nicht stabil sind. Sie neigen dazu, sich aufgrund von Interaktionen, dem Alter der Kinder und anderen Ereignissen zu ändern.

Der Grund, warum sich ein Lieblingskind herauskristallisiert und eine bevorzugte Behandlung erfährt, ist auch nicht immer nachzuvollziehen. Manche Eltern (oder zumindest ein Elternteil) können sich selbst in einem ihrer Kinder wiedererkennen, nicht aber in den anderen. Sie mögen auch eines von ihnen aufgrund seiner physischen Eigenschaften oder Fähigkeiten auswählen. Manchmal kann es auch sein, dass eines der Kinder einfach umgänglicher ist als die anderen. In jedem Fall sollte klar sein, dass diese Situation auch für das Lieblingskind nicht einfach ist.

Lieblingskinder lernen früh, wie sie sich verhalten müssen, um von ihren Eltern positiv aufgenommen zu werden. Sie müssen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse unterdrücken, um sie in das Ideal ihrer Eltern zu integrieren. Daher ist es üblich, dass das Lieblingskind zu einer Reihe von Zielen geführt wird, z. B. Sport treiben, ein Instrument spielen usw., ohne dass dies seine Ziele wären.

Kinder fühlen sich einsam, wenn ein anderes bevorzugt wird

Auf der anderen Seite hat ein Lieblingskind oft einen narzisstischen Vater oder eine narzisstische Mutter, die diese bevorzugende Erziehung zu ihrer größten Freude im Leben macht. Dieses Verhalten kann sich zu einer Art Besessenheit entwickeln und das Lieblingskind stellt die emotionale Versorgung des Elternteils sicher. Es ist der Weg, Wünsche und unerfüllte Ziele der Vergangenheit zu erfüllen. Das Lieblingskind ist gezwungen, dies für seine Eltern in der Gegenwart zu erreichen.

Der narzisstische Elternteil kann dabei nicht erkennen, dass das Kind seine eigenen Bedürfnisse und Vorlieben hat. Dabei wird der Rest der Geschwister ignoriert. Es ist eine komplexe Situation in der Familie, deren Erleben kein Kind verdient.

Das Lieblingskind und die Geschwister: Beide sind vernachlässigte Kinder

Wenn ein Kind zwei Jahre alt ist, beginnt es, ein Gefühl der Identität und Zugehörigkeit zu entwickeln. Dann erscheinen die ersten Vergleiche. „Die haben dieses und jenes. Ich habe das nicht“, „Sie können dieses und jenes tun. Ich kann das nicht“,  stellt es dann fest. Eifersucht kann zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern führen und die Dinge werden schlimmer, wenn Eltern für eine Seite Partei ergreifen.

All dies kann schon in jungen Jahren Spuren hinterlassen. Wenn ein Elternteil sein Lieblingskind auswählt, verursacht das bei den anderen Geschwistern Probleme mit dem Selbstwertgefühl und Unsicherheit. Nur wenn sie lernen, ihre Ressentiments, die widersprüchlichen Gefühle und die ungünstige Beziehung zu den Eltern zu kontrollieren, können die ungeschützten Kinder zu selbstbewussten Erwachsenen werden.

Es ist wichtig, zu betonen, dass die Situation des Lieblingskinds auch nicht einfach ist. Die bevorzugte Behandlung, von der es profitiert, ist mit hohen Kosten verbunden. Oft ist es die Ablehnung der eigenen Projekte und Wünsche im Leben. Es ist auch üblich, dass Lieblingskinder einen unreifen Charakter, ein geringes Selbstwertgefühl und eine geringe Frustrationstoleranz haben.

Glückliche Geschwisterkinder lachen zusammen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Situation für das übermäßig bevorzugte Kind und seine Geschwister zu einem echten Problem werden kann. Derartige Situationen sind das Ergebnis einer schlechten, unreifen und meist narzisstischen Erziehung. Erziehung und Bildung sollten allerdings ausgewogen, konsequent und respektvoll sein, um jegliche Bevorzugung und Diskriminierung zu verhindern. Wir sollten uns daran erinnern, dass positive Verstärkung auch essenziell für die Bildung unserer Identität ist.